Nachfrage übersteigt Angebot

Mice-Sektor erlebt eine Boom-Zeit

Alles beim alten? Auf der Imex ging es zu wie vor der Krise.
FVW Medien/OG
Alles beim alten? Auf der Imex ging es zu wie vor der Krise.

Die Nachfrage nach Meetings und Events ist riesig, wie auf der weltgrößten Event-Messe Imex deutlich wurde. Doch zugleich wandelt sich die Branche radikal.

Corona? Äh, war da was? Nach zwei Jahren pandemiebedingter Pause fand in Frankfurt wieder die Imex statt. Die Mice-Messe schien dabei nahtlos an 2019 anzuknüpfen: Die Hallen waren gut besucht, die Aussteller berichteten von vielen Terminen, und Masken wurden sowieso nicht mehr getragen.

Während die Geschäftsreise nach wie nicht an die Zahlen der Vor-Covid-Zeit anknüpft, erholen sich Events und Meetings im Rekordtempo. "Nach zwei Jahren digitaler Treffen wollen sich jetzt alle persönlich wiedersehen", sagt Sophie Hulgard, Accor-Vertriebschefin für Nordeuropa. Bei der Hotelgruppe sei das Segment in vielen Zielgebieten bereits auf 2019er-Niveau. Noch dominierten kleinere Events wie beispielsweise Seminare – doch für 2023 würden auch wieder Großveranstaltungen angefragt, sagt Hulgard.

Klarer Einbruch bei Geschäftsreisen, aber mehr Mice und Leisure: Caroline Lange macht dieselbe Erfahrung. "Bei Events und Meetings ist die Nachfrage immens", sagt die Vertriebschefin bei Vila Vita Marburg. "Derzeit könnten wir den Standort glatt doppelt verkaufen." Kunden würden selbst auf Termine in den Sommerferien ausweichen. Dabei buchten die Firmen nach wie vor kurzfristig – ein Trend, den Lange auch für die Zukunft prophezeit.

Käufermarkt wird zum Verkäufermarkt

Entwarnung auf breiter Front? Bernd Fritzges, Chef des Verbands der Veranstaltungsorganisatoren, mahnt: "Das Gefühl, alles sei wie früher, trügt." Zwar bestehe ein enormer Nachholbedarf bei persönlichen Treffen, doch zugleich stehe die Event-Branche vor ihrer größten Veränderung seit Jahrzehnten – bedingt durch Personalmangel, Fokus auf Nachhaltigkeit und veränderte Arbeitswelten. Längst nicht alle Tagungsanbieter seien darauf vorbereitet.

Tatsache ist: Mindestens kurzfristig stehen die Anbieter vor einer Nachfragewelle, die aus dem Käufermarkt einen Verkäufermarkt macht. Jeder zweite Event-Planer stimmte bei einer Befragung des globalen Mice-Verbands Meeting Professionals International dieser Aussage zu. Voriges Jahr hatten noch 70 Prozent die Käufer im Vorteil gesehen. Allerdings: 64 Prozent der Befragten gaben jetzt an, nach dem derzeitigen Nachholbedarf die Häufigkeit ihrer persönlichen Treffen wieder verringern zu wollen – selbst im Vergleich zu 2019.

Wettstreit der Mice-Destinationen

Das aber bedeutet, dass der Wettstreit der Mice-Ziele bereits bald wieder ins Volle gehen könnte. Zumal trotz Digitalisierung immer mehr Länder auf das Präsenz-Event-Segment setzen: Es soll für steigende Umsätze im Tourismus sorgen. Bereits bei der Imex stellten die Länder ihre Vorteile heraus – auch in Form finanzieller Hilfen.



So gewährt Singapur für Konferenzen mit 300 Teilnehmern Hilfen mit dem Mice Advantage Program 3.0. Zusätzlich sieht das neue Inspire 2.0 gut 80 von der Tourismusbehörde gesponserte Events vor, aus denen Kunden wählen können. Portugal führt sein Förderkonzept Portugal Events fort, die Philippinen geben Anreize durch Mice Plus. Aber auch jenseits dessen haben die Destinationen einiges vor:

- Singapur will sich als führendes Wellness- und Nachhaltigkeitsziel etablieren. So würden Mice-Planern spezielle Eco Meeting Packages angeboten, die beispielsweise umweltfreundliche Stadtführungen und die vergünstigte Nutzung von Bussen und Bahnen vorsehen, sagt Yap Chin Siang vom Singapore Tourism Bord.

- Das Gipfeltreffen des World Travel & Tourism Council im April war der Startschuss: Neben Leisure wollen die Philippinen den Mice-Bereich auf- und ausbauen. Der Fokus liegt auf Nachhaltigkeit: "Unser Ziel ist es, dass die Event-Teilnehmer die Location in einem besseren Zustand verlassen, als sie sie angetroffen haben", sagt Arnold T. Gonzales vom Tourism Promotion Board.

- "Meet the Magic" – so betitelt Thailand seine Wiederbelebung des Mice-Tourismus. Neue Angebote für regionale Erlebnisse sollen ebenso dazugehören wie Mega-Events, verbesserte Buchungstechnik und Nachhaltigkeit.

- Portugal setzt auf das Thema Authentizität. "Klasse statt Masse ist unser Motto", sagt Joaquim Pires von Turismo de Portugal: "Statt internationaler Ketten dominieren bei uns Boutique-Hotels." Bei der Zahl der Events hat das Land 2021 einen Sprung nach oben getan. Im Icca-Ranking rangiert es auf Platz 6 (2020 Platz 7, 2019 Platz 10); die Hauptstadt Lissabon rückt sogar auf Rang 2 vor (2020: Rang 14).

- Auch für den Oman steht die Authentizität ganz vorn – neben der "riesigen Angebotspalette", wirbt Khalid Al Zadjali, Chef des Oman Convention Bureau. Städteerlebnisse etwa in der Metropole Maskat stünden neben Luxus, Wüste und Souq-Besuchen. Produkte gebe es dabei in allen Preisklassen.

- Abu Dhabi erweitert das Förderkonzept Advantage Abu Dhabi 2.0. So sollen Firmen, die ein Event in dem Emirat planen, neu auch vergünstigte Etihad-Flugtickets erhalten. Das Emirat punkte mit seiner Vielfalt, sagt Mubarak Hamad Al Shamisi (Abu Dhabi Conventions & Exhibitions Bureau) – vom luxuriösen Yas Island bis zur Oase Al Ain.

- Bahrain steht kurz vor der Eröffnung des Messe- und Kongresszentrums Exhibition World Bahrain. Vom Oktober an bietet es 95 Tagungsräume, ein Plenum für 4000 Teilnehmer sowie zehn Messehallen. Das kleine Königreich, das östlich von Saudi-Arabien liegt und aus 33 Inseln besteht, wird täglich ab Frankfurt von Gulf Air angeflogen.

- Bei der Zahl an Firmenveranstaltungen liegt Malta bereits fast wieder auf 2019er-Niveau, sagt Christophe Berger, Director Incentives & Meetings bei Visit Malta. Ziel der Tourismusstrategie des Landes sei es, an erster Stelle das Mice-Segment zu fördern, da Event-Teilnehmer mehr ausgäben als Urlauber und auch in der Nebensaison kämen. Das Convention Bureau werde daher unter dem neuen Namen "Incentives & Meetings" Teil von Visit Malta.

- Auch Israel nimmt mehr denn je den Mice-Bereich in den Fokus. So sei für 2025 in Tel Aviv ein neues Kongresszentrum geplant, und ein weiteres soll auf dem Ex-Flughafen von Eilat entstehen. Zudem eröffneten Nobelhotelmarken wie Nobu, Soho und Kempinski neue Häuser. Israel will mit dem Thema Digitalisierung punkten: Die Zahl innovativer Start-ups ist enorm groß.

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