Compliance

So beugen Sie Korruption vor

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Skandale wie die Budapester Sex-Sause rücken das Thema Compliance in den Fokus. Firmen verschreiben sich Verhaltensrichtlinien, doch die sind nicht ohne Tücken.

Seitdem die Öffentlichkeit über Bestechung und Bestechlichkeit, über unlauteres Verhalten und Vorteilsannahme diskutiert, wird Compliance mehr und mehr zum Reizwort – auch im Eventsektor. Die berüchtigte „Budapester Sex-Sause“ des Versicherers Hamburg-Mannheimer im Jahr 2007 war zwar kein Normalfall, doch Veranstaltungsplaner wollen wissen, wie sie sich künftig regelkonform verhalten. Was dürfen sie als Einladende? Und was als Eingeladene – etwa bei Hotel-Besichtigungen, Info-Reisen, Fam-Trips oder Abendessen? Dass Compliance die Veranstaltungswirtschaft tiefgreifend verändern wird, davon zeigen sich Experten wie der Wormser Professor Hans Rück überzeugt. Vor allem deshalb, „weil die Richtlinien in vielen Punkten weit über das Ziel hinausschießen“, wie der Eventprofi kritisiert. Und damit möglicherweise mehr Schaden verursachen als Abhilfe schaffen.

Angst, sich zu amüsieren

Schon heute verbuchen Incentive-Agenturen enorme Umsatzrückgänge – weil Unternehmen Angst haben, mit einer „Spaßveranstaltung“ ins schiefe Licht gerückt zu werden. Schon heute leiden renommierte Fünf-Sterne-Hotels und touristisch reizvolle Regionen – weil die Firmen ausbleiben. „Alles, was nach sachfremder Vergnügung aussieht, wird von Compliance Officers unter Verdacht gestellt – so absurd das im Einzelfall sein mag“, befürchtet Rück. Und schon heute geht bei Betreibern außergewöhnlicher Eventlocations die Furcht um, dass irgendwann die Kunden ausbleiben – denn „außergewöhnlich“ könnte ja etwas mit „sachfremd vergnüglich“ oder „spannend“ zu tun haben. Und damit „unstatthaft sein.

Klare und einfache Regeln

Ironie beiseite. Rück formuliert es drastisch: „Bei Compliance geht es doch um die Abwehr von Korruption in ihren unterschiedlichen Graden und Formen. Doch was, bitteschön, hat das mit der Showband im abendlichen Rahmenprogramm zu tun? Oder mit der Wahl einer außergewöhnlichen Veranstaltungsstätte? Oder mit einer Bewirtung in Höhe von lächerlichen 50 Euro pro Person?“ Experten wie Rück raten daher: Trotz aller Sensibilität beim Thema Bestechung – Mittelständler sollten nicht den Fehler mancher Konzerne wiederholen, die sich mit einem strengen Richtlinien-Korsett ihre Atemluft abschnüren. Dann nämlich laufen sie Gefahr, dass Veranstaltungen in Zukunft immer ähnlicher und langweiliger werden. Dennoch: Unternehmen sollen das Thema Compliance sehr ernst nehmen. „Sie sollten sich selbst entsprechende Richtlinien geben, damit ihnen nicht die bestehenden Richtlinien oktroyiert werden“, rät Rück. „Denn eigene Regeln ermöglichen es dem Unternehmen, von den gängigen Obergrenzen abzuweichen, wie es etwa SAP vormacht, die ihren Mitarbeitern die Annahme von Einladungen zu Geschäftsessen bis zu 150 Euro Gegenwert gestattet – also das Dreifache des normalen Werts.“

Was Veranstaltungsplanern erlaubt ist und was nicht, das sollten Firmen in den Richtlinien genau definieren – ohne dabei in einen Dschungel aus komplizierten Regeln zu geraten. Wichtiger als alle Vorschriften ist es, eine Unternehmenskultur zu schaffen, in der offen über das Thema Korruption gesprochen werden kann.

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Beispiele für derart transparente Regeln bietet die Vereinigung Deutscher Veranstaltungsorganisatoren in einem neuen Leitfaden. Vorstandsvorsitzender Gerhard Bleile und die Rechtsanwältin Mandy Risch-Kerst erläutern darin kurz und bündig, was auf welchen Veranstaltungen erlaubt ist, und geben dafür einige anschauliche Praxisbeispiele.

Feingefühl statt Regelwust

Für Events und Info-Reisen gilt grundsätzlich: Steht bei ihnen die Wissensvermittlung im Vordergrund, bildet das Fachliche den Programmschwerpunkt und ist „alles transparent und für jeden nachvollziehbar“, dann gibt es keine Beanstandungen. Beginnt das Event bereits um 9 Uhr morgens oder dauert es länger als 13 Stunden, dann ist auch gegen eine Übernahme der Hotelkosten nichts einzuwenden. Und treten die Bahn oder eine Fluggesellschaft als ausdrücklich genannte Logistikpartner auf, dann ist auch die „kostenlose“ Anreise okay. Kritisch wird es, wenn sich etwa ein Edel-Koch um die Teilnehmer bemüht, der für diese nicht buchbar ist – der sie also verwöhnt statt ihnen seine Produkte zu präsentieren. Oder wenn das Rahmenprogramm „ohne Bezug zum Tätigkeitsfeld des Eingeladenen“ steht – wie die Gratis-Massage, die Ballonfahrt oder die VIP-Karte für den Klitschko-Boxkampf.

Als Orientierung für „sozialadäquate Bewirtungen“ nennen Bleile und Risch-Kerst den Wert von 50 Euro. Feste Werte wurden von Gerichten allerdings bislang nie festgelegt. Daher dürfte für Essenseinladungen dasselbe gelten wie für Events generell: Betroffene müssen ein Feingefühl dafür entwickeln, wann es sich um Bestechung handeln könnte und wann nicht. Am besten ist es, sich – und Kollegen oder Vorgesetzten – diese Frage immer wieder zu stellen: Geht es bei der Einladung um Beeinflussung? „Kundenpflege bleibt auch in Zukunft zulässig – aber in sachlich gerechtfertigten Grenzen“, formuliert es Professor Hans Rück. „Die früher gängigen Auswüchse, sich auf Firmenkosten eine gute Zeit zu machen, ohne dass von Produkten oder Marken des einladenden Unternehmens im Entferntesten die Rede war, werden stark zurückgehen.“

Partner in die Pflicht nehmen

„Die Verhältnismäßigkeit muss immer gewahrt sein“, sagt auch CWT-Manager Felix Vezjak und nennt ein Beispiel: „Die Einladung zum Fußballspiel bei einer Weltmeisterschaft ist sicher nicht zu beanstanden. Problematisch, wenn das Ganze mit kostenlosem Flug und einer Gratis-Nacht im Fünf-Sterne-Hotel verbunden ist.“ Doch zu bestimmten Zeitpunkten sollte auch schon der Stadionbesuch tabu sein: etwa wenn dieser in eine Projektphase fällt, in der die Entscheidung über den künftigen Vertragspartner ansteht und es sich bei dem Einladenden um einen der Kandidaten handelt. Wer auf Nummer sicher gehen will, lässt sich von den Leistungsträgern, mit denen er kooperiert, eine Anti-Bestechungs-Verpflichtung unterschreiben. „Die Frage nach Compliance gehört auch in Ausschreibungen“, sagt Vezjak: Unternehmen fordern vom Dienstleister dessen Leitprinzipien in Sachen ethischem und korrektem Verhalten ein. Compliance-Management darf weder Angst bei den Beschäftigten schüren noch sollte es dazu führen, dass sich die Branche aus Übereifer selbst ein Grab gräbt, wie es Rück befürchtet. Am besten drückt es Sabrina Keese aus, Rechtsanwältin und Autorin des Buches Aktenzeichen Einkauf: „Ziel des Compliance-Managements ist es allein, Risiken zu erkennen, jederzeit einen Gesamtüberblick über sie zu haben und sie dadurch leichter zu überwachen.“

Was Sie dürfen und was Sie lassen sollten

Compliance im Veranstaltungsbereich – so heißt ein 20-seitiger Leitfaden, in dem die Vereinigung Deutscher Veranstaltungsorganisatoren ihren Mitgliedern die wichtigsten Richtlinien an die Hand gibt. Zum Beispiel: Arbeitsessen: Zulässig als Besprechung fach- und sachbezogener Themen. Die Kosten sollten nicht mehr als 50 Euro pro Person betragen. Verboten sind Geschäftsessen vor oder nach Abschluss eines Geschäfts. Geschenke: Gegen den Blumenstrauß zum Geburtstag ist nichts einzuwenden, kritisch wird es bei Geschenken, die objektiv den Beschenkten beeinflussen könnten. Arbeitgeber und Betriebsrat sollten Regeln aufstellen und sagen, bis zu welchem Wert die Annahme eines Geschenks in Ordnung ist. Bonusprogramme: Nur dann zulässig, wenn das Unternehmen und nicht der einzelne Mitarbeiter die Punkte erhält. Einladungen: Nur auf Firmenpapier an die Firmenadresse. Einladungsgegenstand präzise beschreiben; bei Reisen muss der Fachbezug im Fokus stehen. Entscheider müssen die Reise- und Übernachtungskosten selbst bezahlen.

Interview mit Professor Hans Rück, Fachhochschule Worms

„Im Einzelfall einfach absurd“

Professor Hans Rück ist Dekan des Fachbereichs  Touristik/Verkehrswesen an der Fachhochschule Worms.

Wie sehr berührt das Thema Compliance die MICE-Branche wirklich?Massiv! Im Fokus stehen hochwertige Einladungen, die den Anschein erwecken könnten, dass Entscheidungen durch persönliche Zuwendungen beeinflusst werden sollen. Konkret sind also Kunden-Incentives und Veranstaltungen wie etwa Galas von Compliance berührt.

Was bedeutet das für Hotels und Eventlocations?Fünf-Sterne-Hotels werden Probleme wegen ihres Luxusimage haben. Das ist sicher unfair, denn man muss differenzieren zwischen einem touristischen Fünf- Sterne-Wellness-Hotel und einem Fünf-Sterne-Business-Haus. Auch Hotels in touristisch attraktiven Regionen werden es schwerer haben. Alles, was nach sachfremder Vergnügung aussieht, wird von Compliance Officers unter Verdacht gestellt – so absurd das im Einzelfall sein mag. Zudem werden viele Special Event Locations Schwierigkeiten bekommen, vor allem jene mit ausgeprägtem Freizeitcharakter.

Was sollten Hotels tun?Schon 2008 sind einige Hotels unter dem Eindruck des Pharma-Kodex von 5 auf 4 Sterne zurückgegangen, um nicht ausgelistet zu werden. Wer diesen Weg nicht gehen will, muss seine Kunden ständig aufklären, dass „5 Sterne“ nicht zwangsläufig „Luxus“ bedeutet. Die schwammigen Richtlinien des Arbeitskreises Corporate Compliance (www.inea-online.com) und der Sponsoreninitiative S20 (www.s20.de) haben viel Unsicherheit in den Markt getragen, Aufklärung tut deshalb not.

Hat Compliance auch Einfluss auf die Wahl einer Eventdestination?Natürlich. Touristische Attraktivität wird zum Nach- teil. Das wird den sowieso schon infrastrukturschwachen Regionen wie Schwarzwald oder Mecklenburg-Vorpommern schaden. Mit diesen Effekten haben sich unsere Volksvertreter noch gar nicht befasst.

Was raten Sie mittelständischen Unternehmen?Zwar gilt: „Wo kein Kläger, da kein Richter“. Kläger lauern aber überall, etwa unter unzufriedenen Mitarbeitern, so wie bei Ergo damals. Um auf der sicheren Seite zu sein, sollten angestellte oder beamtete Entscheidungsträger keine Fam-Trips oder hochwertigen Feierveranstaltungen annehmen, sondern ihre Reisekosten selbst bezahlen. Wer sich einladen lässt, sollte sich vergewissern, dass die Veranstaltung möglichst viele neutrale Info-Elemente enthält. Info- Reisen hingegen sind in aller Regel unproblematisch.

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