White Paper

Wenn Geschäftsreisende entführt werden

Statista/Financial Times

Seit 2010 wurden 143 Deutsche entführt – meist handelt es sich um Geschäftsleute. Laden Sie sich das White Paper von Smart Risk Solutions runter.

Am Ende waren es mehr als 10.000 DIN-A4-Seiten, gefüllt mit sieben Romanen und Gedichtbänden: Das Schreiben hat Bernd Mühlenbeck das Leben gerettet. Genau 33 Monate lang befand sich der Mitarbeiter der Welthungerhilfe in Geiselhaft der Taliban. Im Januar 2012 gelangten die Männer in sein eigentlich streng überwachtes und vergittertes Wohnhaus in Pakistan.

„Plötzlich wurde es laut vor der Tür“, berichtet er, „und dann standen drei furchtbar aufgeregte und mit Kalaschnikows und Pistolen bewaffnete Männer vor mir.“ Da er gerade mit seiner Frau in Niedersachsen skypte, bekam diese das Geschehen live mit.

Für Mühlenbeck begann eine Odyssee mit zunächst wochenlang verbundenen Augen, gefesselten Händen und Ketten an den Füßen. Immer wieder zogen die Taliban mit ihm weiter, flüchteten vorm heranziehenden US-Militär. Mit Papier versorgten ihn die Entführer reichlich: „Von morgens bis abends habe ich gedichtet, ich habe in meinen Geschichten gelebt.“

Dass Mühlenbeck nicht in Panik geriet, verdankte er einem Sicherheitstraining, in dem auch eine Entführung simuliert wurde. „Immer ruhig bleiben und sich ablenken“, das habe man ihm beigebracht. Zumal jede Art von Aufregung oder Aktionismus unnütz oder sogar gefährlich wäre: „Die Lage ist ja aussichtslos, man kann sowieso nichts machen.“
White Paper zum Thema Entführungen

Bernd Mühlenbeck ist kein Einzelfall: Seit 2010 wurden 143 Deutsche entführt – meist handelt es sich um Geschäftsleute. Als am gefährlichsten gelten Länder wie Nigeria, Syrien, Mexiko, Afghanistan und Senegal. Über alle Nationen hinweg geht der Bundesnachrichtendienst von 50.000 Entführungen aus.

„Genaue Zahlen gibt es nicht, da diese Geschehnisse so gut wie gar nicht an die Öffentlichkeit gelangen oder Betroffene aus Angst vor den Tätern oder der Polizei keine Anzeige erstatten“, sagt Pascal Michel, Managing Director des Sicherheitsberaters Smart Risk Solutions.


Michel berät seit vielen Jahren Firmen bei Entführungsfällen. Ein Team erfahrener Krisenberater auf allen Kontinenten arbeitet für ihn. Viele von ihnen waren zuvor bei Nachrichtendiensten und militärischen Spezialeinheiten tätig oder haben bei behördlichen Verhandlungsgruppen wie der FBI Crisis Negotiation Unit fungiert. Hinzu kommen Psychologen, IT-Forensiker, Profiler, Mediziner, Anwälte und Krisenkommunikatoren.

Anbieter wie Smart Risk Solutions haben vor allem ein Ziel: die Geisel schnell, unversehrt und zu einem bezahlbaren Preis freizubekommen – und zwar über den Verhandlungsweg. Studien kommen immer wieder zum Ergebnis, dass bei versicherten Kunden, für die erfahrene Unterhändler aktiv sind, die Überlebenschance bei einem Kidnapping mit fast 98 Prozent deutlich höher ist als bei gewaltsamen Befreiungen.
Statista/Financial Times

Dabei dürfen sogenannte K&R-Versicherungen (Kidnapping and Random, also Entführung und Lösegeld) hierzulande noch gar nicht so lange legal aktiv sein. Bis 1998 bestand die Angst, dass die Existenz derartiger Anbieter dazu führen könnte, dass es zu noch mehr Entführungen kommen würde – dem jedoch widersprechen alle Statistiken. „Allerdings sind K&R-Versicherungen an bestimmte Auflagen gebunden“, sagt Michel. Erstens dürfen in den Unternehmen nur sehr wenige Personen wissen, dass es eine solche Police gibt. Und zweitens muss die Versicherung für einen unabhängigen Krisenberater sorgen, der im Ernstfall tätig wird, aber auch schon präventiv beraten muss.

Aber auch die zunehmende Betonung der Fürsorgepflicht treibt Unternehmen zum Handeln. In seinem White Paper „Entführt!“ nennt Michel eine Reihe von Gerichtsurteilen, die Arbeitgebern eine Mitschuld an Entführungen zuschreiben – wegen mangelhafter Prävention, unzureichender Sicherheitsmaßnahmen oder fehlerhafter Risikobewertung des Reiselandes. Versäumen sie es, Reisende über die Gefahren aufzuklären, werden hohe Summen für Schadensersatz und teils sogar Haftstrafen fällig.

Dabei hat sich in manchen Ländern vor allem Afrikas und Südamerikas längst eine regelrechte „Entführungsindustrie“ etabliert, in denen Lösegelder wie „Marktpreise“ gezahlt werden. So berichten Beobachter von Entführungen, bei denen die Kidnapper zunächst Millionenbeträge für die Freilassung ihrer Geiseln verlangen. Die Unterhändler starten je nach Lage mit deutlich niedrigeren Summen, die für die örtlichen Verhältnisse dennoch ein wahres Vermögen darstellen – zumal dann, wenn das Geld bar und sofort bezahlt wird. Am Ende einigt man sich nicht selten auf eine Summe, die irgendwo dazwischen liegt.

Spannend: Das Lösegeld selbst macht oftmals nicht den größten Anteil der Summe aus, die ein Entführungsfall am Ende kostet. Eine höhere Summe verschlingen meistens andere Posten – etwa die Geldbeschaffung, der Geldkurier, die Lagerkosten, Mietwagen, Hotels und die medizinische Versorgung. Grundsätzlich gehen die Unternehmen in Vorleistung und erhalten das Geld später zurückerstattet. Lediglich für Lösegeldzahlungen an Terroristen ist dies gesetzlich verboten.
Travel Risk Map 2020

Für den Kidnapping-Experten Michel spielen neben der K&R-Versicherung aber noch weitere, vor allem präventive Faktoren eine Rolle, um für den Ernstfall gerüstet zu sein. Dazu gehören eine Reisesicherheitsrichtlinie, ausreichende Informationen über die Sicherheitslage im Zielland, ein konzernweites Travel-Risk-Management mit Krisenstab, eine 24/7-Hotline sowie Trainings, in denen eine Entführung oder Erpressung simuliert werden, in denen eine Entführung oder Erpressung simuliert werden. „Betroffene müssen im Ernstfall schnell wissen, was zu tun ist“, sagt Michels Kollege Michael Pülmanns. „Sonst wird die Entführung zur tödlichen Bedrohung.“ Die Krisenberater unterstützen bei Verhandlungsstrategie, Lösegeldübergabe und Heimtransport der Entführten.

A und O ist die Geheimhaltung. Selbst Bernd Mühlenbeck weiß bis heute nicht, wie genau er am Ende freigekommen ist. „Offenbar ist Lösegeld geflossen“, sagt er – von wem es kam, weiß er nicht. Manchmal ist das auch besser. Seine Erfahrungen hat er im Buch „Very soon is far away“ aufgearbeitet. Die 10.000 Seiten Papier hingegen, die er während der Geiselhaft gefüllt hat, musste er zurücklassen.

„Auch wenn man nicht alle Entführungsszenarien vorbereiten kann – auch wenige sind besser als gar keine. Die Betroffenen müssen schnell reflektieren.“ Michael Pülmanns von Smart Risk Solutions.
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