So halten es die anderen

Pünktlichkeit ist relativ

Wer hat an der Uhr gedreht? Die Bahn hat ihr Pünktlichkeitsziel erneut verfehlt.
DB AG
Wer hat an der Uhr gedreht? Die Bahn hat ihr Pünktlichkeitsziel erneut verfehlt.

In Deutschland ist Pünktlichkeit eine Tugend. Anderswo hingegen darf man sich verspäten – aber nicht in jedem Fall. Ein Überblick.

Schon Ludwig XVIII. wusste es: „Pünktlichkeit ist die Höflichkeit der Könige.“ Und für heutige Geschäftsreisende ist das Erscheinen zur verabredeten Zeit einer der wichtigsten Punkte auf der To-do-Liste überhaupt. Denn mancher Besprechungstermin scheitert schon, weil man zu spät kommt – und keine plausible Erklärung im Gepäck hat.

Leider versteht fast jeder unter Pünktlichkeit etwas anderes. Auch von Kulturen und Ländern in aller Welt wird sie unterschiedlich aufgefasst, nach dem Motto: andere Länder, andere Sitten. Unpünktlichkeit gilt manchmal sogar als extrem unhöflich und kann unangenehme Folgen für das anschließende Gespräch haben. Eine Verspätung, die eine gewisse Toleranzgrenze bereits deutlich überschritten hat, kann sogar als Beleidigung und Respektlosigkeit gegenüber dem Geschäftspartner aufgefasst werden.

Wer viel beruflich unterwegs ist, dürfte automatisch eine richtige Antenne für das Zeitgefühl des jeweiligen Gesprächspartners entwickeln. Wir Deutsche sind da ein spezielles Völkchen. Höchstens 5 Minuten Verspätung sind gestattet, denn die Deutschen legen besonders großen Wert auf Pünktlichkeit. Zwei Drittel werden laut Emnid-Umfrage sauer, wenn sie noch länger (unentschuldigt) auf ihren Gesprächspartner warten müssen.

Macht, Hierarchie und wirtschaftliche Entwicklung

Der Psychologe und interkulturelle Unternehmensberater Rolf Daufenbach hat verschiedenen Beobachtungen zum Thema Pünktlichkeit in aller Welt gemacht. Er bereitet seit mehr als 20 Jahren Fach- und Führungskräfte in international tätigen Unternehmen auf Geschäftskontakte und Auslandseinsätze in Asien vor.

„Der allgemeine Umgang mit Pünktlichkeit in den verschiedenen Kulturen hängt stark vom sozialen und wirtschaftlichen Entwicklungsstand eines Landes ab“, sagt er. „Mit zunehmender wirtschaftlicher Entwicklung steigt die Erfordernis, Zeiten einzuhalten. In einer von Landwirtschaft geprägten Gesellschaft spielen Wetter und Jahreszeiten eine große Rolle. In unserer modernen Industriegesellschaft hingegen mit ihren mit automatisierten Produktionsanlagen ist Just-in-time eine Notwendigkeit.“ Daher sei man in in Deutschland pünktlicher als etwa in Thailand.

Aber auch mit Macht und Hierarchie hängt die jeweilige Auffassung von Pünktlichkeit zusammen. „Kommt man als potenzieller Kunde etwa zu einem chinesischen Unternehmen, so kann man sich auch bei einem verabredeten Geschäftstermin Zeit lassen, wird trotzdem hofiert und umworben“, nennt Daufenbach ein Beispiel. „Als möglicher neuer Lieferant dieses Unternehmens hingegen sollte man unbedingt pünktlich erscheinen. Selbst muss man sich aber auf längere Wartezeiten einstellen.“

So halten es die anderen

Schweiz: In der Deutschschweiz gilt es als höflich, Minuten vor der Zeit einzutreffen. In der Romandie lieber 5 Minuten nach dem verabredeten Zeitpunkt.

Frankreich: Die Franzosen nehmen Verspätungen leichter hin. Hier gilt der deutsche Gesprächspartner auch noch als pünktlich, wenn er 15 Minuten später als geplant eintrifft. In Paris entschuldigt man sich mit: Die Metro war schuld.

Kanada: Egal ob im englischen oder französischen Teil: Pünktliches Erscheinen ist wichtig. Entschuldigungen gelten nicht.

USA: Nie zu früh zu einem Termin kommen, denn das gilt als unhöflich. Pünktlichkeit ist Trumpf – auch wenn die Amerikaner dies manchmal selbst anders handhaben.

England: Die Briten trennen zwischen privaten und beruflichen Treffen. Ist man zu einem Geschäftstermin verabredet, heißt das „pünktlich auf die Minute genau“. Ist ein Treffen privat geplant, darf man auch noch 10 Minuten später kommen.

Skandinavien: Die Nordlichter lieben strikte Regeln. Geschäftliche Termine finden pünktlich statt – meist auf die Minute genau. Das Wochenende ist tabu, ebenso der Feierabend nach 16 Uhr. In Dänemark ist die Mittagspause (11.30 bis 14.30 Uhr) heilig.

China: Die Chinesen lieben es pünktlich. Beim ersten Treffen mit dem Geschäftspartner sollte daher auf die genaue Uhrzeit geachtet werden. Dieses Ritual hat in China eine große Bedeutung, denn Pünktlichkeit wird als deutsche Tugend angesehen und sehr positiv bewertet.

Asien: Im Geschäftsleben gilt Unpünktlichkeit als respektlos. Am besten 10 Minuten vor dem Geschäftstermin eintreffen. Bei Verspätungen: rechtzeitig anrufen und sich beim Treffen noch einmal entschuldigen.

Indien: Hier ist alles möglich. Lassen Inder ihre Gesprächspartner lange warten, ist das in aller Regel keine böse Absicht.

Afrika: „Ganz langsam“ ist ein Lebensmotto, das in Afrika Gültigkeit hat. Ist der Geschäftsreisende pünktlich, kann es sein, dass er lange warten muss.

Brasilien: Brasilianer verschieben Termine häufig. Daher ist Flexibilität angesagt. Wichtig für den geschäftlichen Termin: Von den Deutschen wird absolute Pünktlichkeit erwartet.

Italien: Im Land herrscht häufig eine große Gelassenheit, und man darf schon mal auf seinen Gesprächspartner warten. Darauf sollte sich der Geschäftsreisende aber nicht unbedingt verlassen, denn viele Italiener sind mittlerweile sogar sehr pünklich.

Spanien: Im Süden Spaniens kann der Gesprächspartner schon mal bis zu einer halben Stunde zu spät kommen. Dagegen wäre dies in Katalonien grob unhöflich. Außerdem gibt es noch folgende Sprachbesonderheit: Mañana (Morgen) bedeutet nicht unbedingt Morgen, sondern viel mehr später. Und hört man gar mañana, mañana, dann kann das auch durchaus mehrere Tage dauern.

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