Separatismus in Deutschland

Wenn Bayern unabhängig wird

Auch allein wäre Bayern stark: Unabhängigkeitsfreund der Bayernpartei.
Fritz Zirngibl
Auch allein wäre Bayern stark: Unabhängigkeitsfreund der Bayernpartei.

Müssen Geschäftsreisende auch innerhalb Deutschlands demnächst Grenzen überwinden? Bayern, Franken, Sorben, Saarländer, Friesen: Wir prüfen, wie groß der Separatismus hierzulande ist.

Der Wunsch mancher Regionen, sich von ihrem Mutterland abzuspalten, wird derzeit in Katalonien deutlich. Der Konflikt zwischen Barcelona und Madrid ist zwar uralt, doch seit gut elf Jahren spitzt er sich zu. Viele Katalanen wollen einen getrennten Staat – wegen ihrer eigenen Identität, aber auch aus Finanzgründen: Barcelona überweist deutlich mehr Steuereinnahmen an die Zentralregierung, als es zurückerhält.

Der Traum, sich unabhängig zu erklären, herrscht in vielen Regionen Europas. So gab im Baskenland die ETA erst 2011 ihren bewaffneten Kampf auf – nach 50 Jahren Terror. In Schottland ging 2014 eine Volksabstimmung über den Austritt aus Großbritannien knapp aus; die Korsen übermalen nach wie vor französische Schilder auf der Insel; in Belgien wollen viele Flamen mit ihren wallonischen Landsleuten wenig zu tun haben; und die norditalienischen Provinzen Lombardei und Venetien stimmten kürzlich erst für mehr Autonomie. Das deutsche Südtirol hat diese zwar längst erlangt, allerdings erst nach langem Kampf gegen die damalige Unterdrückungspolitik aus Rom.

Ob Geschäftsreisende in den kommenden Jahren auch dort Grenzen überqueren müssen, wo bislang keine sind, hängt entscheidend von Diplomatie und Kompromisswillen der Betroffenen ab. Fest steht: Geschäftsbeziehungen und Business Trips würden durch Länderabspaltungen nicht einfacher. Doch wie steht es eigentlich um Deutschland? Wie groß ist die Gefahr, dass sich Regionen bei uns für eigenständig erklären?

Fünf Beispiele:

1. Bayern

Wer an Unabhängigkeit denkt, dem fällt zuerst Bayern ein. Fakt ist: Die einzige Partei, die eine Trennung von Berlin fordert, ist die „Bayernpartei“, und die erreichte bei der vorigen Landtagswahl gerade mal 2,1% (verglichen mit 2008 immerhin ein Zugewinn von 1%-Punkt). Rechtfertigen ließe sich ein solcher Schritt dennoch. So verfügt Bayern über eine 1000-jährige eigenstaatliche Tradition, ist älter als Deutschland und würde bei einer Unabhängigkeit zu den wirtschaftlich stärksten Ländern der Welt gehören. Nicht-Bayern wären allerdings dreifach geschlagen: Erstens würde das Geld aus dem Länderfinanzausgleich fehlen. Zweitens wäre Deutschlands höchster Berg dann nicht mehr die Zugspitze (2962 Meter), sondern der Feldberg im Schwarzwald mit gerade mal 1493 Metern. Und drittens wäre dann plötzlich die Düsseldorfer Kirmes das größte Volksfest – statt des Oktoberfests. Die Hoffnung mancher ruht daher auf ...

... 2. Franken

Sollte sich Bayern für unabhängig erklären, wird umgehend eine fränkische Befreiungs-bewegung entstehen. Immerhin sind die Franken erst vor gut 200 Jahren in die Ehe mit den Bayern gezwungen worden, und bei manchen sitzt der Schmerz noch tief. Nachdem der „Fränkische Bund“ 1989/90 vergeblich ein Bundesland Franken vor dem Bundesverfassungsgericht eingefordert hatte, bemüht man sich nun zumindest um eine „bessere wirtschaftliche Gleichstellung im Freistaat“. Auf politischer Ebene engagiert sich die „Partei für Franken“: Sie erhielt bei der Landtagswahl 2009 immerhin 2,2% – trat allerdings, logischerweise, nur in Franken an.

3. Lausitz

Die Sorben (oder Wenden) sind ein slawisches Volk mit eigener Kultur und Sprache. Sie sind als nationale Minderheit in Deutschland anerkannt, verfügen über Zeitungen, Rundfunkprogramme, Kindergärten, Schulen, Literatur und Theater und haben sogar eine eigene Flagge und Hymne. Die Verfassungen von Brandenburg und Sachsen schreiben in den betroffenen Regionen eine zweisprachige Beschilderung vor, natürlich sind aber alle Sorben deutsche Staatsangehörige.

Die Sorben lebten bereits vor den Deutschen in der Lausitz, diese ist also gewissermaßen ihr Mutterland. Autonomieforderungen wurden nach 1920 von der „Wendischen Volkspartei“ laut, die später von Hitler verboten wurde, und nach dem 2. Weltkrieg wurde vereinzelt der Anschluss der Lausitz an die Tschechoslowakei diskutiert. Heute ist man weit entfernt von Unabhängigkeitswünschen – zumal es geschätzt nur 70.000 Sorben gibt.

4. Saarland

Das Saarland war zwischen 1947 und 1956 tatsächlich ein unabhängiger Staat, trat selbst bei den Olympischen Spielen 1952 mit einem eigenen Team an und stieß erst 1957 mit dem Saar-Abkommen zwischen Paris und Bonn wieder zu Deutschland. In einer Volksbefragung hatten sich zuvor 1955 knapp 68% gegen ein Europäisches Statut für das Saarland ausgesprochen.

Eine aktuelle Umfrage von 2017 ergab allerdings, dass sich immerhin 22% der Saarländer von Deutschland trennen wollen (bei den Bayern sind es 32%). Manche wünschen sich auch ein Zusammengehen mit Luxemburg. Wir ohne das Saarland? Die Pfalz würde jubeln.

5. Frieslande

„Sozial, friesisch und frei“, so wirbt die Partei „Die Friesen“ für sich. Sie strebt zwar keine Unabhängigkeit an, fordert jedoch mit Hinweis auf die eigenständige friesische Kultur, Sprache, Geschichte und Freiheitstradition „ein Höchstmaß an Selbstbestimmung“ für die Frieslande. Unter diesen fasst sie Ostfriesland (Niedersachsen), Westfriesland (Niederlande) und Nordfriesland (Schleswig-Holstein) zusammen. In einigen Kommunen ist die Partei vertreten; zu den Landtagswahlen 2013 und 2017 trat sie aber nicht an – auch aus Ärger darüber, dass sie nicht von der Fünf-Prozent-Hürde befreit ist, obwohl sie sich selbst analog zum dänisch-orientierten Südschleswigschen Wählerverband (SSW) als Minderheitenpartei sieht. Eine echte Unabhängigkeit wäre für Friesland wohl wenig rosig. Die Mentalität auf Baltrum oder Helgoland ist längst eine andere als in Den Helder in Nordholland, und wirtschaftlich wäre es auch nicht einfach.

Autonomie oder gar regionale Unabhängigkeit in Deutschland? Keine „Inlands“-Reise mehr ohne Visum, Reisepass oder zumindest Personalausweis? Wie unwahrscheinlich dies ist, zeigt schon die Suche im Internet. Bei Eingabe der Begriffe „Autonomie, Deutschland, Bayern“ zum Beispiel erscheint an oberster Position ein Link zum Thema „In Bayern fährt das erste autonome Taxi Deutschlands“. Und das wiederum könnte für Geschäftsreisende und Travel Manager realistischer und durchaus spannend sein.

Die Kommentare für diesen Artikel sind geschlossen.

Fachmedien und Mittelstand Digital Logo
Nutzungsbasierte Onlinewerbung
stats