Langstreckenflüge

Business Class oder Economy?

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Die Zahl der Firmen wächst, die nach der Krise auf Fernstrecke wieder die Business Class erlauben. Gründe dafür gibt es reichlich. Doch zugleich sind etliche Zwischenlösungen entstanden.

Und das meist ohne zu murren. Denn auch privat steigen sie in den Billigflieger. Oder sie wählen als Alternative zum Flug den Zug. Mit komfortablen Hochgeschwindigkeitsbahnen wie dem ICE, dem TGV oder Thalys ist die Schiene selbst innereuropäisch längst zu einer Alternative zum Flieger geworden. Anders verhält es sich auf der Langstrecke. Hier tobt inzwischen ein Klassenkampf – im wahrsten Sinne des Wortes. „Natürlich schreiben wir auch auf der Fernstrecke die Economy Class vor – privat würden unsere Leute ja auch niemals Business buchen“, sagt eine Travel Managerin. „Ab drei Stunden Flugdauer ist bei uns Business Class erlaubt“, hält ihr ein Kollege entgegen: „Und im Traum käme ich nicht auf die Idee, an dieser Regelung etwas zu ändern.“ Nur motivierte Mitarbeiter, so argumentiert er, bringen gute Leistungen für die Firma.

Premium Eco als Alternative

Und einen ganz neuen Aspekt hat die vor einigen Jahren entworfene Premium Economy Class in die Debatte eingebracht. Nachdem sie jahrelang im Travel Management kaum Beachtung fand, scheinen manche Firmen nun genauer hinzusehen. Allerdings nur manche: Während die Lufthansa das Produkt frisch einführt, arbeiten andere wie Turkish Airlines schon wieder an dessen Abschaffung – weil der Erfolg ausblieb. Der Berater PWC gestattet bei einer Flugdauer ab drei Stunden die Buchung der Business Class. „Wir möchten, dass unsere Mitarbeiter fit am Ziel ankommen, damit sie gute Geschäfte machen können“, argumentiert Global Travel Manager Mark Avery: „Die Zeit, die sie an Bord verbringen, soll möglichst produktiv sein – entweder, indem sie arbeiten oder sich von anstrengender Arbeit erholen.“ Beim Darmstädter Pharmariesen Merck gilt die Grenze von vier Stunden. Das kann sich die Firma leisten? „Sie kann“, sagt Carnier und fügt lächelnd hinzu: „Weil es eine preisgünstige Lösung ist.“ Seine Rechnung: Wer Business fliegt, der kommt ausgeruht am Ziel an „und hält sich dort kürzer auf, als jemand, der einen Tag vorher in der Economy anreist“. Zudem packt er oft mehrere Ziele in eine einzige Reise. Das spart Arbeitszeit und damit Kosten.

Geschütztes Arbeiten für Geschäftsreisende

Ein Eco-Preis von 1200 Euro für die Strecke Frankfurt–Hongkong kann sich durch eine zusätzliche Übernachtung, den Ausfall der Mitarbeiter für ein bis zwei Arbeitstage und der Spesen „schnell mal verdoppeln“, sagt Carnier. Und: „Wir verlangen, dass unsere Reisenden den günstigsten Business-Tarif nutzen, auch wenn sie dann umsteigen müssen.“ Da die Merck-Mitarbeiter aus dienstlichen Gründen oft erst 24 Tage vor Abreise buchen, sind die Preisunterschiede zur Economy sowieso meist gering. Wichtig sind für viele Firmen auch ungestörtes und vor allem geschütztes Arbeiten. Wer in der Eco den Laptop aufklappt, kann entweder gar nicht arbeiten, weil der Vordermann seinen Sitz zurückgeklappt hat. Oder der Nebenmann hat Einblick in sensible Daten. Firmen wie PWC und Merck sind inzwischen in der Minderheit. Laut American Express erlauben immer mehr Unternehmen ihren Reisenden die Business Class erst ab einer Flugdauer von mindestens sieben oder acht Stunden. Und dem Airplus Business Travel Index zufolge gestatten auch auf Langstrecke nur noch 44 Prozent der deutschen Firmen die Business-Buchung. Allerdings hat sich der Anteil der komfortablen Lösung seit 2012 um fünf Prozentpunkte erhöht. Was dafür spricht, dass die Firmen langsam ihre Reiserichtlinien wieder lockern. Und: Mittlerweile sind etliche Zwischenlösungen entstanden. Die Flugdauer als Kriterium zählt dazu, aber auch die Unterscheidung zwischen Hin- und Rückflug: Vor der anstrengenden Verhandlungsrunde beispielsweise ist der bequeme Sitz okay, und beim Rückflug tut es eben auch die Economy Class. Oder: Reisende dürfen vorn in der Maschine Platz nehmen, wenn sie sich beim Buchen für die preisgünstigere Umsteigeverbindung statt für den teuren Direktflug entscheiden.{CONTAINER:BusinessClassTeil2}

Gesamt- statt Ticketkosten

„So lässt sich auch für das Unternehmen ein Mehrwert erzielen“, sagt Jörg Martin, Inhaber der Travel-Management-Beratung CTC Corporate Travel Consulting: „Der Mitarbeiter bleibt motiviert, und die Firma spart Geld.“ In jedem Fall warnen Experten, sich allein auf die Kosten des Tickets zu konzentrieren. „Besser ist eine Gesamtkostenrechnung: Ausgeruhte Mitarbeiter erzielen bessere Verhandlungsergebnisse für die Firma als gestresste“, sagt Anne Richter, die 2008 eine Analyse zu den Beförderungsklassen auf Langstrecke erstellt hatte. Dabei ist die wirtschaftliche Situation jenes Jahres gut mit der heutigen Lage vergleichbar. Ein ausnahmsloses Ja zur Business Class hatte Richter schon vor sechs Jahren als illusorisch verworfen – das wäre für die meisten Firmen nicht finanzierbar. Die Flugdauer als Kriterium findet sie jedoch nicht ideal: „Flugzeiten sind unverbindlich, und in der Praxis wird gegen solche Regelungen häufig verstoßen.“ Sie empfiehlt eine Differenzierung nach Flugzielen. Also zum Beispiel: Holzklasse für Moskau, Business Class für Peking. Ihr Tipp: „Markieren Sie Ihre Zielorte auf einer Weltkarte.“ Ein weiterer Aspekt: die Gesundheit der Reisenden. Noch ist das Thema „altersgerechtes Reisen“ zwar nicht in den Unternehmen angekommen, wie es in der neuesten Airplus-Studie heißt: Nur sehr wenige Firmen räumen bislang ihren älteren Reisenden Privilegien wie die Nutzung der Business Class ein. In Skandinavien hingegen haben dies bereits 19 Prozent in ihren Richtlinien festgeschrieben. Anne Richter fordert, sowohl für Ältere (ab 50 Jahren) als auch für Risikopersonen (Krampfadern, Kreislaufprobleme), sehr große Menschen und Vielflieger die Business Class zu erlauben. Alter und Gesundheitsstatus ließen sich – nach Absprache mit Betriebsrat und Datenschutzbeauftragtem – in die Reisendenprofile integrieren. Unternehmen wie Diehl haben aber auch die Erfahrung gemacht, dass das Thema Reisen in den Bewerbungsgesprächen zunehmend eine Rolle spielt. Keine qualifizierte Fachkraft muss sich mehr die Holzklasse um jeden Preis gefallen lassen, wenn ein anderer Chef mit der Business Class lockt. Hier tut „intelligentes Reisemanagement“ not, wie es Experten beschwören: lieber mal auf eine eher unwichtigere Reise verzichten und im Gegenzug für einen wirklich wichtigen Ferntrip eine höhere Komfortabilität zulassen.

Beinfreiheit ist am wichtigsten

Ein Trend, auf den die Fluggesellschaften reagieren: Sie erhöhen die Qualität ihrer Business Class, reduzieren jedoch die Zahl der Sitze. Gerade erst hat Delta Air Lines sieben ihrer Business-Class-Plätze durch 30 Economy-Sitze ersetzt. A und O der Business Class ist die Beinfreiheit. Tagsüber bequem arbeiten, nachts in Ruhe schlafen – fast jede Flug- gesellschaft bietet heute Flat Beds, also Liegesitze. United will diese jetzt erstmals auf einem Inlandsflug einführen (New York–Los Angeles), und sogar Nur-Business-Class-Flüge kommen ins Gespräch: Qatar setzt auf der Strecke London–Doha einen A-319 mit 40 Flat Beds ein. Als fast genauso wichtig wie die Beinfreiheit bezeichnen Travel Manager Services wie die Nutzung der Fast Lane, schnellere Sicherheitschecks, den Lounge-Zugang oder den Gratis-Internet-Anschluss an Bord. In diesen Punkten allerdings unterscheiden sich die Business-Class-Angebote der Airlines noch stark.

Praxisbeispiele: Von Diehl bis Dürr

Diehl: Zu denen, die ihren Mitarbeitern außerhalb Europas ausnahmslos die Business Class erlauben, gehört der Diehl-Konzern. „Da gibt es für uns keine Diskussionen“, sagt Travel Manager Andreas Konkel: „Zum einen wollen wir im Kampf um gutes Personal mithalten, zum anderen sind die Kosten zwar höher als bei Economy, aber daran dürfte keine Firma zugrunde gehen.“ Und wenn das Budget doch einmal knapp werden sollte, dürfen die Diehl-Töchter die Eco zur Pflicht machen.

Merck: Für Travel Manager Christoph Carnier steht fest: Ausgeruhte Mitarbeiter erzielen bessere Ergebnisse. Daher dürfen Reisende ab einer Flugzeit von vier Stunden die Business Class buchen. Allerdings müssen sie den günstigsten Tarif nutzen, also auch Umsteigverbindungen akzeptieren, direkt zu den Terminen fliegen (ohne Übernachtung) und möglichst mehrere Ziele in eine einzige Reise packen.

Dürr: Der Spezialist für Montage- und Lackieranlagen schreibt in seinen Reiserichtlinien die Economy Class zwar auch für die Fernstrecke vor. Dazu aber gehört für Dürr auch die Premium Economy. Wer frühzeitig bucht und die streckenbezogenen Preislimits einhält, kann somit gut ein Premium-Eco-Ticket erhaschen und in den Genuss größerer Beinfreiheit kommen, so Travel Manager Marcus Scholz.

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