Interview mit dem LOT-Chef

Via Warschau in die Welt

LOT-Chef Rafael Milczarski
LOT
LOT-Chef Rafael Milczarski

Vom Sorgenkind zur Erfolgs-Airline: LOT hat die Kehrtwende geschafft. Wie dies gelang, welche Pläne die Airline noch hat und wie sie Firmenkunden erreichen will, darüber sprach BizTravel mit LOT-Chef Rafal Milczarski.

Noch 2012 ging es der LOT wirtschaftlich nicht gut, sie musste Strecken streichen. Heute expandiert die Airline. Wie kam es zu dieser Kehrtwende?

Trotz der Schwierigkeiten, die wir hatten, sind wir inzwischen sogar eine der am schnellsten wachsenden Fluggesellschaften Europas. Die Kehrtwende brachte unserer Turnaround-Plan 2016. Darauf basierend konnten wir 42 Strecken wieder oder komplett neu aufnehmen, etwa unsere Langstrecken nach Tokio, Seoul, Los Angeles und New York/Newark sowie Krakau–Chicago. Und ganz frisch fliegen wir Singapur ab dem 15. Mai 2018 an. Das alles gelingt nur mit entsprechenden Investitionen in die Flotte, was dann aber zu einem nachhaltigen Wachstum führen muss.

Wie sieht dieser Flottenausbau aus?

Allein in diesem Jahr haben wir vier Jets Boeing B-737 NG sowie zwei Dreamliner B-787 in Dienst gestellt. Mit unseren Leasing-Gebern und mit Boeing pflegen wir hervorragende Partnerschaften, so dass wir im März 2018 die erste von drei brandneuen Maschinen B-787-9 erhalten. Bereits jetzt stoßen die ersten beiden von sechs B-737-max8 zur LOT-Flotte.Zusätzlich kommen Embraer E-195. Demnächst soll es auch W-LAN an Bord geben: Bei allen B-737-max8 und B-787-9 ist die Hardware installiert.

Welche Ziele haben Sie sich gesteckt?

Wir wollen LOT zur führenden Fluggesellschaft Polens und im Flugverkehr nach Mittel- und Osteuropa entwickeln. Daher wollen wir spätestens 2020 gut 90 Ziele bedienen und jährlich 10 Mio. Gäste pro Jahr an Bord begrüßen. Als wir 2016 insgesamt 5,5 Mio. Passagiere zählten, war das bereits ein Rekordergebnis. Für 2017 erwarten wir mit geschätzten 6,8 Mio. Gästen eine neue Bestmarke.

Um diese Ziele zu erreichen, ist mehr als eine neue Flotte nötig ...

Unser Wachstum beruht auf mehreren Säulen. Erstens überzeugen wir unsere Gäste mit einer hohen Servicequalität, weshalb sie sich immer wieder für uns entscheiden. Zweitens bieten wir ihnen einen hervorragenden Flugplan mit attraktiven Tagesrandverbindungen und kurzen Übergangszeiten. Und drittens profitieren wir von der wirtschaftlichen Entwicklung in Mittel- und Osteuropa. Diese Region gehört zu den am stärksten wachsenden Märkten im europäischen Luftverkehr.

Ganz neu: Boeing B-737 max8
LOT
Ganz neu: Boeing B-737 max8

Wie genau positioniert sich LOT heute?

Schon aus geografischer Sicht verhilft uns das zentral gelegene Drehkreuz in Warschau zu einer guten Ausgangsposition. Von dort entwickeln wir ein klug durchdachtes Streckennetz, so dass LOT das Marktpotenzial ausschöpfen und wachsen kann. Mit einer Mindestumsteigezeit von nur 30 Minuten spielen kurze Transferzeiten in unserer Wachstumsstrategie eine ganz wichtige Rolle. Wir lenken daher den Passagierverkehr über Warschau und verbinden so den Westen Europas, Nordamerika und Fernost mit Mittel- und Osteuropa. Diese Flüge via Warschau sind auch dank des komfortablen Produkts eine echte Alternative zu oft teuren Nonstop-Verbindungen.

Auch Ihre Konkurrenten wie Lufthansa und die Billigflieger haben ambitionierte Wachstumspläne. Wie grenzen Sie sich ab?

Auch Ihre Konkurrenten wie Lufthansa und die Billigflieger haben ambitionierte Wachstumspläne. Wie grenzen Sie sich ab?

Alle unsere Langstreckenflüge nach Nordamerika und Asien bedienen wir ausnahmslos mit dem weltweit technisch modernsten Fluggerät, der B-787 mit drei Klassen an Bord. Zudem bieten wir unsere Produkte wie Premium Economy und Business Class zu einem guten Preis-Leistungs-Verhältnis. Auch sind wir Mitglied der Star Alliance und voll integrierter Partner von Miles & More, so dass wir viele Leistungen bieten, mit denen speziell unsere Gäste aus der Deutschland, Österreich und der Schweiz vertraut sind. Ihnen präsentieren wir eine attraktive Langstrecken-Alternative im Vergleich zu anderen Drehkreuzen.

Welche Rolle spielt dabei das Geschäftsreise-Segment?

Speziell aus dem Corporate Travel freuen wir uns über deutliches Wachstum auf der Lang- und Kurzstrecke. Geschäftsreisende schätzen die bequemen Umsteigeverbindungen via Warschau sowie unseren Service an Bord. De facto sind mehr als die Hälfte unserer Fluggäste keine Urlaubsreisenden.

Was genau planen Sie mit Blick auf Warschau als Drehkreuz?

Warschau ist als solches bereits etabliert – rund die Hälfte unserer Passagiere sind Umsteiger. Mit Singapur werden wir 2018 diese Funktion ausbauen, nachdem 2017 der Fokus auf Nordamerika und Zentralasien lag. Wir haben damit die Chance, eine wichtige Rolle als Verbindungsglied zwischen Ost und West zu spielen, und diese Chance wollen wir nutzen. Als noch kleinere Fluggesellschaft steht uns eine große Vielzahl an möglichen Zielen zur Auswahl. Uns stellt sich nicht die Frage, ob wir dorthin fliegen wollen, sondern wann.

Welche Pläne haben Sie speziell für den deutschen Markt?

Ganz neu fliegen wir ab 7. Mai 2018 zwölfmal pro Woche von Nürnberg nach Warschau. Damit haben wir bereits sieben Abflughäfen in Deutschland. Bereits im Juni 2017 hatten wir die Strecke Stuttgart–Warschau mit zwei täglichen Flügen eröffnet und im Dezember Berlin–Warschau. Wir setzen weiterhin auf deutsche Firmenkunden, die für ihre Asien-Flüge LOT als gute Alternative schätzen – auch wegen der kurzen Gesamtreisedauer.

Welche Services bieten Sie Firmenkunden und Geschäftsreisenden?

Die erwähnten attraktiven Tagesrandverbindungen gehören ebenso dazu wie aufeinander abgestimmte Anschlussverbindungen innerhalb der Star Alliance sowie besondere Privilegien für Goldkarten-Inhaber. Darüber hinaus hat LOT verschiedene maßgeschneiderte Produkte für den Geschäftsreisekunden entwickelt, die etwa das jährliche Reisevolumen, die Reisegewohnheiten und die Reiserichtlinien des Unternehmens berücksichtigen. Wichtiges Plus ist zudem unser Business-Class-Produkt im Dreamliner mit lediglich 18 oder 24 Flat-Bed-Sitzen. Und natürlich unsere sprichwörtliche Gastfreundschaft!

LOT startet neuerdings auch ab Ungarn in die USA. Wollen Sie zu einer pan-europäischen Fluglinie werden?

Langstreckenflüge sind für uns besonders ertragreich, und da LOT ein sehr gut entwickeltes Netzwerk für Fernflüge besitzt, wollen wir an diesen Wachstumsmöglichkeiten partizipieren. Nordamerika spielt dabei eine zentrale Rolle. Und es ist schon einige Jahre her, dass man nonstop von Ungarn aus in die USA fliegen konnte. Nach dem Malev-Konkurs stieg dennoch die Zahl der Fluggäste, die via Umsteigen ab Budapest nach New York und Chicago wollten, auf 165.000. Ein solches Potenzial können wir nicht ignorieren.

Wie sehen Sie die Zukunft der Luftfahrt?

Zu LOT kann ich sagen: Wir haben die Wende geschafft und verbinden heute Profitabilität mit nachhaltigem Wachstum. In Zeiten, als Air Berlin und Alitalia täglich Verluste von 1bis 3 Mio. Euro verzeichneten, verdienten wir 1 Mio. Z?oty pro Tag. Zusätzlich arbeiten wir mit regionalen Fluggesellschaften wie der estnischen Nordica zusammen und schaffen somit Synergien. Weitere dieser Kooperationen will ich für die Zukunft nicht ausschließen.

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