Fragen & Antworten

Interview mit Mathias Haas

Dirk Weyhenmeyer

Der „Trendbeobachter“ Mathias Haas erklärt im Interview, was die Event- und Reisebranche bewegt und was auf Travel- und Eventmanager in Zukunft zukommt.

Herr Haas, was macht ein Trendbeobachter? Diese Bezeichnung benutze nur ich. Anders als Trendforschern geht es mir darum, den Menschen die Angst vor Veränderung zu nehmen. Deshalb zeige ich Megatrends anhand konkreter Beispiele auf. Es könnte beispielsweise sein, dass ein Zukunftsforscher von „leuchtenden Tapeten“ berichtet, die es in zehn Jahren gibt. Ich zeige diese Tapeten, sobald sie leuchten.

Auf welche Trends sollte sich denn unsere Branche einstellen?

Sehr schlüssig ist die Entwicklung zu Total Mobility. Es geht um Bewegung von A nach B, voller Spontanität, unter Berücksichtigung von ernst gemeinter Nachhaltigkeit und Kostenbewusstsein. Beispielsweise halte ich Anbieter von Firmen-Carsharing für zukunftsfit. Warum nicht das Fahrzeug des Hauptabteilungsleiters nutzen, das den ganzen Tag in der Tiefgarage steht, wenn ein Teammitglied für einen Termin einen Wagen braucht? Darüber hinaus werden zunehmend Daten genutzt. Es gibt die ersten Flotten mit installierten Blackboxes, Aufzeichnungsgeräten zum Beispiel für Bewegungs- und Verbrauchsdaten. Mit diesen werden heute schon in Düsseldorf Versicherungsprämien reduziert oder gestohlene Fahrzeuge getrackt.

Was bedeutet Total Mobility für den Travel Manager? Wird er wichtiger? Er hat definitiv die Chance, wichtiger zu werden – allerdings muss er auch wichtig werden wollen! Nicht nur der demografische Wandel, sondern auch das ganze Thema Employer Branding liegt im Einflussbereich des Travel Managers – also das Bild, wie sein Unternehmen im Arbeitsmarkt als Arbeitgeber wahrgenommen wird. Feel-good-Manager werden eingestellt, Mitarbeiter sollen glücklich werden – welche neue Rolle werden da Geschäftsreisen spielen?

Können dann noch Korsette wie strenge Reise­ richtlinien funktionieren? Das hängt vom Leidensdruck der Branche und des jeweiligen Unternehmens ab. Wenn wir die Tourismus-, IT- oder Gesundheitsbranche ansehen, wird klar, dass Arbeitgeber sexy sein müssen. Grundsätzlich sind Unternehmen mit zu vielen Regeln natürlich weniger attraktiv. Entscheidend sind aber die Macht und das Mandat des Travel Managers: Prüft er zum Beispiel auch die Reisekosten, dann werden Vorgaben sicher schneller und besser zum Leben erweckt als durch jede noch so strenge Richtlinie, die er mangels Einfluss aber überhaupt gar nicht durchsetzen kann.

Travel Manager brauchen Daten – etwa um Reisende in Notfällen schnell aufspüren und evakuieren zu können. Bekommt er die? Oder scheitert er am Datenschutz? In Deutschland sind wir paranoid beim Thema Datenschutz. Wir beschweren uns über den gläsernen Menschen, doch sobald ein Freiflug, eine Tasse Gratiskaffee oder auch nur ein Smiley locken, sind wir bereit, alle möglichen Daten preiszugeben. Tatsache ist: Vertrauensaufbau ist auch digital möglich. Travel Manager werden wohl nicht die Pioniere auf diesem Gebiet sein und die großen Budgets bekommen. Doch sie werden Teil dieser Zahlen-Kultur werden und Nutzen daraus ziehen.

Das heißt, Reisende werden bereit sein, alle Daten über sich preiszugeben? Dafür gibt es viele Indizien. Nehmen wir nur mal Lifelogging, also das permanente Tracking des eigenen Lifestyles. Heute gehen schon auffällig viele Menschen laufen, nur damit sie etwas zum Posten haben. Bewertungssysteme wie Klout Score oder mein Mini-Fotoapparat Narrative Clip, der alle 30 Sekunden ein Foto macht und die schönsten Momente des Tages selektiert – alles Beispiele für ein Spiel mit den eigenen Daten. Und alles Wege, um Aufmerksamkeit zu bekommen!

Reportings, Kennzahlen, Big Data – brauchen wir wirklich immer mehr Daten oder ersticken wir nicht eher an ihnen? Der Trick wird sein, Daten zu visualisieren und in Geschichten aufzubereiten, denn reine Excel-Tabellen lassen uns heute schon kollabieren. Und: Mehr Daten heißt nicht mehr Wissen. Wenn ein Eventmanager die Teilnehmer trackt, dann sollte er auch passende Kompetenzen zur Weiterverarbeitung anbieten. Diese Mitarbeiter heißen dann vielleicht Data Visualizer und Data Story Integrator.

Was bedeutet die Digitalisierung für Veranstaltungsplaner? Dass es keine Trennung mehr gibt zwischen realem und virtuellem Leben. Dass wir alle Datenmanager sind. Dass jeder Gastgeber entscheiden muss: Wie nutze ich die Daten, und wem gehö- ren diese am Ende? Gleichzeitig werden Menschen auch weiter ihrem Ego-Trip folgen und jeden Meter posten. Doch um „Gefällt mir“-Klicks und Kommentare zu bekommen, müssen sie Besonderes erleben, und daher sind auch die Eventmanager gefordert. Motto: Mehr Risiko für attraktive Events! Noch immer gibt es Tausende Tagungen, die keinen Raum für Spontanität und Mitbestimmung bieten. Aber nochmals: Der Gast hat sozialen Druck, ein besonderes Leben zu posten – warum würde er sonst Zeit und Geld investieren? Wird die reale Reise, wird das reale Event bald der Vergangenheit angehören? E-Learning funktioniert schon heute. Warum also noch für „Wissensdownload“ reisen? Es gibt heute so etwas wie Worldwide Wisdom, weltweite Weisheit. Universitäten wie Harvard bieten kostenlos die besten Lehrer der Welt, und Plattformen wie TED oder GWA bieten Wissen vom Feinsten – mobil und auf allen Kanälen. Doch wenn es zu komplex wird, wenn Gefühle und Beziehungen gewünscht sind, dann wird weiterhin gereist. Selbst für die Scheidungsparty steigen Menschen in den Flieger. Andererseits gibt es Verlobungen via Skype. Was ist also noch real, und was ist virtuell?

Die ersten Fluggesellschaften erlauben Handytelefonate an Bord. Muss das sein?Menschen auf 10.000 Meter Höhe sind auf Entzug! Telefonieren muss sicher nicht sein, doch etwas zu trinken gibt es schließlich auch. Für viele ist da kaum ein Unterschied. Ich selbst habe mir immer geschworen, dass ich so lange fliege, wie mich die Sicht auf die Alpen überwältigt. Doch vermutlich sind bald die Fensterplätze leer, denn „wischen“ und „ziehen“ können Sie auch am Gang. Im Ernst: Handytelefonate sind etwas, durch das sich Fluglinien, die heute ja auf den Preis reduziert werden, noch unterscheiden können. Problem: Handys sind hell und laut. Vielleicht müssen Stewardessen jetzt noch lernen, wie sie Streit richtig schlichten (lacht). Kommunizieren wir nicht eh viel zu viel? Ja, wir sind überfordert und überinformiert. Echte Orientierung ist ein seltenes Gut. Das hat sicher Konsequenzen, doch für dieses Urteil bräuchten wir jetzt einen Hirnforscher.

Die Kommentare für diesen Artikel sind geschlossen.

Fachmedien und Mittelstand Digital Logo
Nutzungsbasierte Onlinewerbung
stats