Boarding

Der schnellste Weg zum Flugzeug-Sitz

Der Sitz im Flugzeug ist beim Boarding oftmals nur schwer und langsam zu erreichen.
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Der Sitz im Flugzeug ist beim Boarding oftmals nur schwer und langsam zu erreichen.

Die Fluggäste nervt es, und die Airlines verlieren Zeit und damit Geld: Boarding dauert oft ewig, weil Passagiere die Gänge versperren. Forscher haben sich den Kopf darüber zerbrochen, wie es schneller laufen könnte. Wir stellen einige Methoden vor.

1. Das Klassenmodell

Als erstes dürfen die First- und Business-Class-Passagiere einsteigen (oder bei Billigfliegern all jene, die Priority Boarding als Zusatzleistung gebucht haben), danach sind Mütter mit Kindern und Personen mit Behinderung an der Reihe. Als letzte Gruppe werden die Economy-Gäste in den Flieger gelassen. Problem: Spätestens in der Holzklasse bilden sich lange Staus, wenn Passagiere vorderer Economy-Sitzreihen den Gang versperren, weil sie ihr Handgepäck in die Schließfächer hieven.

2. Das Von-Hinten-Nach-Vorn-Modell

Die Passagiere werden bereits beim einchecken in zwei bis drei Gruppen eingeteilt, je nachdem ob sie im hinteren oder im vorderen Teil der Maschine sitzen. Wer hinten sitzt, wird zuerst aufgerufen. Die Idee dahinter ist, dass der Gang nicht direkt von solchen Gästen blockiert wird, die vorn sitzen und minutenlang ihren Krempel verstauen. Viel bringt diese Methode allerdings nicht. Denn nun versperren jene Passagiere den Durchgang, die bereits im ersten oder zweiten Drittel des hinteren Bereichs sitzen. Ein Versuch des US-Nachrichtenportals VOX hat sogar ergeben, dass dieses Modell am zeitraubendsten ist.

3. Das Freie-Platz-Wahl-Modell

Billigflieger wie Easyjet oder Ryanair hatten dieses Konzept lange Zeit verfolgt – sie sind inzwischen jedoch davon abgekehrt. Im Einsatz ist es hingegen noch bei Wizzair und bei Southwest: Passagiere suchen sich ihren Sitzplatz frei aus. So braucht niemand darauf zu warten, bis sein Vordermann beim Einsteigen mit dem Gepäckablegen fertig ist, sondern setzt sich einfach auf den nächsten freien Platz. Klingt in der Theorie gut, hat aber in der Praxis seine Tücken: erstens finden Familien oder Freunde, die eher spät einsteigen, oft keine zusammenhängenden Plätze mehr. Und zweitens streben diejenigen, die als erste in die Maschine gehen, meist ausgerechnet nach Sitzplätzen im vorderen Bereich oder am Gang – und blockieren damit doch alles.

4. Das Erst-Fenster-Dann-Gang-Modell

Manch eine Fluggesellschaft hat aus den Problemen des "Von-Hinten-Nach-Vorn-Modells" Konsequenz gezogen: Stattdessen lautet das Motto nun "erst Fenster, dann Mitte, dann Gang". Zu denen, die diese Methode verfolgen, gehört United Airlines. Abgesehen von Familien kommen zunächst nur die Passagiere an Bord, die am Fenster sitzen – es folgen die Gäste auf den Mittel- und schließlich diejenigen auf den Gangsitzen. Vorteil: Niemand braucht mehr aufzustehen, um einen anderen Gast durchzulassen. Das Boarding geht dadurch zwar tatsächlich schneller, verhindert aber auch nicht, dass sich gleich zu Beginn Staus bilden, weil Passagiere ihr Handgepäck in die Schließfächer stellen.

5. Die Eincheck-Methode

Das Einsteigen geschieht nicht nach irgendwelchen Gruppenregeln, sondern getreu dem Motto "Wer zuerst kommt, malt zuerst". US Airways hatte dieses Konzept bereits 2009 eingeführt: auf den Tickets erfährt der Passagier, als wievielter er eingecheckt hat – und in dieser Reihenfolge geht es auch an Bord. Vorteil: Die Menschen verteilen sich in der Maschine besser und drängeln sich nicht in bestimmten Bereichen. Für das Gate-Personal ist es allerdings nicht einfach, die Einhaltung der richtigen Reihenfolge beim Einsteigen zu überwachen – und natürlich ist das grundsätzliche Stauproblem dadurch auch nicht gelöst.

6. Das Taschen-Konzept

Klar ist: Das Einsortieren des Handgepäcks in die Fächer über den Sitzen ist der Zeitraubefaktor Nummer 1. Professor R. John Milne von der Clarkson-Universität im Bundesstaat New York schlägt daher vor, Fluggäste mit zwei Taschen sollten als erstes einsteigen und sich ans Fenster setzen. Es folge solche mit einem Gepäckstück (für den Mittelsitz), und die Passagiere ohne Taschen schließlich werden am Gang platziert. Das funktioniert aber nur, wenn die Gruppen der Zwei-, Ein- und Kein-Taschen-Reisenden in etwa gleich groß sind – und wenn die Airline es erlaubt, mehr als ein Gepäckstück mit in die Kabine zu nehmen.

7. Das Zehner-Gruppen-Modell

Geradezu wissenschaftlich mutet das Modell an, das sich der Astrophysiker Jason Steffen vor sieben Jahren ausgedacht hat: Mit Hilfe des Markow-Chain-Monte-Carlo-Algorithmus (nein, kein Witz!) werden jeweils Zehnergruppen der Passagiere erstellt. Bei zwei zeitgleich einsteigenden Gästen bleibt jeweils eine Reihe frei, zudem werden die Fenster vor den Gangplätzen belegt. Dadurch sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass es zu Behinderungen durchs Einsortieren des Handgepäcks kommt – laut Steffen sogar um den Faktor sieben! Nicht unkompliziert dürfte es jedoch sein, die Passagiere am Flughafen vorzusortieren und ihnen das Prozedere zu erläutern. Ob sich hier neue Chancen für pensionierte Mathematiklehrer auftun, darf bezweifelt werden – dennoch hat keine einzige Airline die Algorithmus-Methode von Jason Steffen aufgegriffen.

Boarden heute & morgen

Die Reihenfolge beim Einsteigen sehen einige Airlines als Geschäftsmodell: Fürs Priority Boarding wird eine Zusatzgebühr fällig, und im Gegenzug dürfen die Passagiere als Erste an Bord gehen und manchmal auch die Fast Lane bei der Sicherheitskontrolle benutzen. Zeit ist Geld auch beim Einsteigen. Selbst die Flugzeugbauer machen sich Gedanken darüber, wie das Boarding in (fernerer) Zukunft schneller gehen könnte. So könnten die Fluggäste, statt umständlich per Bus oder Treppe zur Maschine gebracht zu werden, künftig wie beim Zug an einem Gate warten und durch mehrere Türen die Maschine betreten. Oder aber die Passagiere nehmen bereits am Flughafen in einer Kabine Platz, die – wie ein Container – vom Flugzeug auf genommen und abtransportiert wird.

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