Wenige Slots, Pilotenmangel, nahender Brexit

Wachstum macht Regional-Fluggesellschaften zu schaffen

ERA-Jahrestagung im schottischen Edinburgh.
Andreas W. Schulz
ERA-Jahrestagung im schottischen Edinburgh.

Edinburgh, die schottische Hauptstadt seit 1350, stand schon immer für Autonomie, freien Handel und Individualität. Vielleicht ein Zufall in Zeiten des nahenden Brexit, dass sich der Verband der regionalen Airlines gerade Edinburgh als Tagungsort ausgesucht hatte?

Die jüngsten Betriebsaufgaben bei VLM und Skywork unterstreichen das raue Wettbewerbsklima: Regionalfluggesellschaften in Europa haben keinen leichten Stand. Umso wichtiger ist es, sich zu organisieren. Die ERA (European Regional Airlines) will den Mitgliedern – nicht nur in Brüssel bei der EU – mehr Gewicht geben. Immerhin sind im vergangenen Jahr mit den 50 Fluggesellschaften, die ERA-Mitglied sind, 74 Mio. Menschen geflogen. Rund 730 Flugzeuge mit durchschnittlich 80 Sitzen haben diese Zahl bewältigt.

Auch Regio-Airlines setzen auf effiziente Jets

Dabei heißt Regionalverkehr nicht automatisch kleineres Propellergerät, denn der Anteil an Jets beträgt mittlerweile schon 57 Prozent. Ein Beispiel dafür ist der kleine in Glasgow beheimatete Regionalflieger Loganair, der bereits 1962 als kleines Luftfahrttaxi mit „Highland and Islands“-Flügen startete. Heute gehört die Gesellschaft der schottischen Airline Investment Limited, für die auch die bekanntere BMI Regional fliegt.

Erstmals wird Loganair im nächsten Jahr Jets vom Typ Embraer 145 und 135 in der Flotte haben. „Damit können wir unseren Mix an Reichweite und Kapazität wesentlich ausbauen und planen, damit auch Ziele in Europa zum ersten Mal neben Bergen anzusteuern“, verrät Loganair-Chef Jonathan Hinkles auf Nachfrage von BizTravel. „Deutschland wird mit gleich zwei möglichen Zielen dabei sein.“

Russen und Japaner neu am Markt

Auch andere Regional-Airlines wie die wesentlich größere Tochtergesellschaft von KLM, die KLM Cityhopper, haben mittlerweile ihre Jet-Flotte komplett auf die effizienten Embraer 175 und 190 Jets umgestellt. Die letzten betagten Fokker 70 verließen im Oktober 2017 die Flotte. Die Cityhoppers sind der klassische Zubringer für KLM zum Drehkreuz Amsterdam. „Die große Herausforderung, etwa neue Strecken aufzulegen, ist die extrem angespannte und anhaltende Slot-Situation in Amsterdam“, sagt KLM-Cityhopper-Chef Warner Rootliep. Für die Geschäftsreisenden hat Rootliep dennoch eine gute Nachricht: „Wir werden speziell das Kabinenprodukt in unseren Embraer-Jets aufwerten, wovon besonders die Geschäftsreisenden profitieren werden.“

Dass moderne, energiesparende Regionaljets besonders hoch im Kurs stehen, heben die Hersteller Bombardier (Airbus), Embraer, aber auch Newcomer wie der russische Suchoi SuperJet oder der japanische Mitsubishi Regional Jet (MRJ), hervor. Beide kämpfen zunächst um Marktanteile. Während der Superjet bisher nur in Russland Erfolg hat, hofft Mitsubishi besonders auf den asiatischen Markt. MRJ Europa-Chef Yoshihisa Kumagai kündigte aber auf der Tagung an, „dass 2022 die ersten Jets über den schwedischen Leasingpartner Rockton nach Europa kommen könnten – vorbehaltlich der Produktionsrate“.

Pilotenmangel als großes Problem

Mit dem allgemeinen rasanten Wachstumstrend in der Luftfahrt sieht sich besonders der Regionalluftverkehr vor große Probleme gestellt. Was fehlt, sind Piloten. „Allein in Europa werden in den kommenden 20 Jahren 104.000 zusätzliche Piloten gebraucht“, sagt die neue ERA-Chefin Montserrat Barriga. Die Herausforderung dabei ist, dass große Fluggesellschaften weltweit Regionalpiloten abwerben, die kleinen Regionalflieger da oft nicht mithalten können. Der Chef von TUS Airways, Michael Weinstein, selbst langjähriger Verkehrspilot einer kleinen zypriotischen Airline, ergänzt: „Wir brauchen nicht nur Piloten, sondern erfahrene Piloten.“

Daneben beschäftigt die neue Verbandschefin aber auch der schwelende Brexit‑Prozess: „Ich hoffe auf ein positives Ergebnis für beide Seiten, das uns sichere Standards und Rahmenbedingungen gibt, mit denen wir arbeiten können.“ An ein Scheitern wolle sie noch nicht denken. Zu fatal wären die Konsequenzen für die gesamte Branche.

EU-Entschädigungszahlungen bereiten Kopfschmerzen

Auch die hohen Kompensationszahlungen an Passagiere (EU-261) bei Flugausfällen und Verspätungen bereiten der Branche massive Kopfschmerzen. So sieht sich die Branche der Regionalfluggesellschaften auf der einen Seite vor Wachstumschancen in ihrem speziellen Marktsegment, kann aber ihre Ängste nicht leugnen, dass äußere politisch-wirtschaftliche Faktoren diese Perspektiven jederzeit unterlaufen und gefährden können.

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