Neue Mobilität

Die Zukunft ist längst da

In sogenannten Loops agiert der Ride-Sharing-Anbieter City Loop.
City Loop
In sogenannten Loops agiert der Ride-Sharing-Anbieter City Loop.

Vielfältig, flexibel, vernetzt: Clevere Verkehrskonzepte bieten Geschäftsreisenden völlig neue Möglichkeiten. BizTravel stellt einige vor.

Dieselfahrverbot oder City-Maut: Auf zumeist restriktive Weise wollen Politiker den innerstädtischen Verkehrs- und Umweltkollaps abwenden. Richard Röhrhoff, Chef von Essen Marketing, schlägt ein anderes Konzept vor: Er will den Mobilitätsmix im öffentlichen Nahverkehr durch Seilbahnen ergänzen. „Diese sind nicht nur ein höchst attraktives Verkehrsmittel“, argumentiert er, „sondern sie können auch sehr viel schneller als neue Straßenbahn- oder U-Bahntrassen gebaut werden.“ Auch München, Toulouse und Göteborg denken über städtische Seilbahnen nach.

Tatsache ist: So wie bisher kann es weder auf Deutschlands Straßen noch am Himmel weitergehen. Allein auf deutschen Autobahnen hat der ADAC im vorigen Jahr 745.000 Staus registriert. Es droht Stillstand, zu Lande und in der Luft, wo der Anteil der Flüge mit Verspätungen von mehr als 60 Minuten 2018 gegenüber dem Vorjahr signifikant gestiegen ist.

Gefragt sind daher neue Mobilitätsideen. Solche, die nicht nur den Verkehrskollaps verhindern helfen, sondern den Nutzern zusätzlich eine größere Flexibilität in der Wahl der Verkehrsmittel geben. Gedankenspiele, wie wir uns in 10 oder 15 Jahren fortbewegen werden, gibt es reichlich – ob per menschlicher Röhrenpost (Hyperloop) oder in autonom betriebenen Fahrkapseln. Doch bereits heute werden Innovationen, die in die Zukunft deuten, umgesetzt. Wir haben uns einige angesehen.

1. Chauffeur im Linienverkehr

„Von Läufern für Läufer“, so lautet das Motto der 21 Sportgroup, die Jörg Mayer einst gründete und zur größten europäischen Multichannel-Sporthandelsplattform ausbaute. Im vergangenen Jahr verkaufte er sein Unternehmen an ein Investorenkonsortium. Doch Mayer bleibt mobil – diesmal allerdings auf vier Rädern. Sein neues Unternehmen City Loop wendet sich an Konzerne, die auf dem flachen Land sitzen und dennoch sehr reiseaffin sind. Mit Hilfe von Chauffeurdiensten, die etwa die Konzernzentrale mit Flughäfen, Städten oder Bahnhöfen verbinden, richtet er einen Linienverkehr ein. Die kreisförmigen Strecken („Loops“) werden mehrfach am Tag nach einem regelmäßigen Fahrplan bedient, so dass sich auf den Firmen- oder Privatwagen verzichten lässt. An definierten Haltezonen kann man zu- und aussteigen; gebucht wird zuvor per App.



Insgesamt lassen sich pro Fahrzeug bis zu drei Sitze reservieren. Den Preis taxiert Mayer auf 99 Euro pro Platz und pro 100 Kilometer. Die ersten Routen sind bereits im Erprobungsbetrieb: ab Walldorf, der SAP-Zentrale, zu den Flughäfen Frankfurt und Stuttgart. „Wir wollen 80 bis 90 derartiger Loops in Deutschland einrichten“, sagt Mayer. Für Umsteiger werden an den Schnittstellen Business Lounges errichtet. Als Luxusangebot sieht er City Loop nicht, sondern vergleicht sich eher mit einem „Vier- bis Fünf-Sterne-Hotel mit guter Business-Ausrüstung“.

2. Auto teilen statt Auto besitzen

Aus dem Testmodus raus ist die neue Mobilitätsplattform Sixt One des Autovermieters Sixt. Sie vereint gleich drei Mobilitätsarten: Autovermietung (Sixt Rent), Carsharing (Sixt Share) und Fahrdienstvermittler (Sixt Ride). Registrierte Kunden können alle Produkte über die neue Plattform abrufen und bezahlen. Völlig neu ist für den Vermieter das eigene Carsharing-Produkt Sixt Share, das in Berlin gestartet ist, schon bald aber auch in weiteren Großstädten in ganz Europa sichtbar sein wird. Ziel ist es, die gesamte Sixt-Flotte, auch die Autos aus der Autovermietung, künftig für Kurz-, Mittel- und Langzeitmieten anzubieten – von einer Minute bis zu einem Monat. Ohne vorherige Reservierung, ab 19 Cent pro Minute.

Autos überall in den Citys zu mieten und mit anderen zu teilen soll quasi zum Standard werden, so die Idee. „Wir machen Mobilität so billig, dass es sich nur noch die Reichen leisten können, ein Auto zu besitzen“, tönt Sixt-Strategievorstand Alexander Sixt.

Neben Carsharing sieht Sixt auch die Fahrdienstanbieter als Retter der Mobilität in den rasant wachsenden Großstädten. Beim Ride-Produkt sind daher bereits neben deutschen Taxiunternehmen Anbieter aus dem Ausland wie beispielsweise der Londoner Marktführer Addison Lee, Lecab in Paris und Lyft aus den USA buchbar.



Sixt ist mit seinem Ansatz nicht allein. An Alleskönner-Apps arbeiten auch andere. Darunter die Autobauer Daimler und BMW, die jüngst all ihre Mobilitätsprodukte zusammengeführt haben und absehbar auch auf einer Plattform offerieren werden. Ähnliches gilt für Sixt-Konkurrent Europcar: Das Unternehmen nennt sich schließlich nicht umsonst jetzt Europcar Mobility Group.

3. Mini-Jets im Regionalverkehr

Mit einer neuen Art von Linienverkehr will auch Air2E punkten, allerdings in der Luft: Das Berliner Unternehmen um Norbert Werle, einst Mitglied im deutschen Nationalteam bei internationalen Kunstflugwettbewerben, möchte ein Pendelkonzept im Luftverkehr umsetzen. Mit Maschinen, die Platz für drei bis acht Passagiere haben, verbindet Werle mehrere deutsche Städte. Zunächst sollen drei Linien jeweils ein- bis zweimal wöchentlich geflogen werden. Operativer Betreiber der Flüge ist die Nürnberger Franconia Air Service, während Air2E für Vertrieb und Marketing verantwortlich zeichnet. „Durch den Wegfall von Regio-Carriern wie Fly BMI sind vielerorts Lücken entstanden, die von Airlines wie Lufthansa nicht gefüllt werden“, sagt Werle. Denn deren Fluggerät ist zu groß für die Nachfrage.

Weil Unternehmen beispielsweise in Rostock, Friedrichshafen, Bremen oder Nürnberg dennoch auf die nun weggefallenen Strecken angewiesen sind, verspricht sich Werle ausreichend Zuspruch für seine Idee. Zielgruppe sind Top- Manager und Beschäftigte, bei denen sich wegen ihres hohen Gehalts Zeitersparnis auszahlt: Franconia verbindet Regionalflughäfen direkt miteinander; die zeitraubende Anreise an ein Drehkreuz entfällt ebenso wie Umsteigen, langes Warten an den Sicherheitskontrollen (Franconia startet in der Regel im Privatairline-Bereich) oder die allfällige Hotelübernachtung.

Die Preise sieht Werle auf dem Niveau von Economy-Flex-Raten. Zum Einsatz kommen Maschinen des Typs Diamond DA-42, die bis zu drei Passagieren Platz bieten. Ein Vier- und ein Achtsitzer sollen die Flotte noch ergänzen. Seinen Fokus richtet Werle, der zuvor in der Windkraftbranche tätig war, auf die Klimaverträglichkeit seines Angebots. So gleicht er von Anfang an jeden Flug mit einer CO2-Abgabe aus und plant für die Zukunft den Zusatz von synthetischem Kerosin.

4. Taxis der Lüfte

Noch in die Zukunft weisen Projekte wie Volocopter und Lilium. Beide Unternehmen – das eine aus Bruchsal in Baden-Württemberg, das andere aus dem bayrischen Weßling – arbeiten an elektrisch betriebenen Lufttaxis. VX2 nennt sich der neuartige, von Volocopter entwickelte Helikopter. Der Senkrechtstarter verfügt über 18 Rotoren und wird per Joystick gesteuert. Das Gefährt glänze dank redundanter Systeme durch ein Höchstmaß an Ausfallsicherheit und mache aus der Vision „Fliegen für jedermann“ Realität, schwärmen die Volocopter-Macher.



Dass auch andere an die Vision eines solchen Lufttaxis glauben, zeigt die Zusammenarbeit des Bruchsaler Start-up mit dem Frankfurter Flughafen. Bereits in fünf bis zehn Jahren soll der Volocopter den Regelbetrieb aufnehmen und den Airport mit Punkten im Rhein-Main-Gebiet verbinden.

Auch Airbus, Boeing, Uber und Google entwickeln ähnliche Fluggeräte. Sie alle versprechen eine Entlastung des Straßenverkehrs in Ballungszentren, wo schon heute vielfach Stillstand herrscht. Allein in Berlin haben Autofahrer laut Erhebung des Datendienstleisters Inrix im vergangenen Jahr 154 Stunden im Stau verbracht, in München waren es 140, in Hamburg 139. Lufttaxis könnten hier zur Entlastung beitragen – auch weil sie aufgrund ihrer Kostenstruktur deutlich günstiger sind als herkömmliche Hubschrauber. Und die Politik sieht in Volocopter & Co einen möglichen Ausweg aus dem drohenden Verkehrsinfarkt in den Großstädten. Das Verkehrsministerium hat erst kürzlich eine Koordinierungsstelle für Drohnentestfelder geschaffen. Außerdem hat das Ministerium Fördermittel in Höhe von 15 Mio. Euro für die nächsten vier Jahre für die Entwicklung und Erprobung von Drohnen und Lufttaxis zur Verfügung gestellt.

5. Die letzte Meile im Blick

Bereits Teil der Mobilitätskette ist Ioki. Die DB-Tochter will die „letzte Meile“ einer Fahrstrecke zu schließen. So betreibt das DB-Start-up seit einem Dreivierteljahr in den Hamburger Stadtteilen Lurup und Osdorf einen On-Demand-Chauffeurdienst. 20 Elektro-PKW – alle weiß lackierte britische Taximodelle mit Platz für bis zu sechs Personen – sind dort mittlerweile im Einsatz. Mehr als 170.000 Hanseaten haben den Service für Fahrten vor Ort – meist zwischen den örtlichen S- und- U-Bahnstationen sowie den zahlreichen dezentralen Ioki-Haltepunkten – schon genutzt. Gerufen wird der Dienst via Ioki-App, preislich ist Ioki ins Tarifsystem des Hamburger Verkehrsverbunds integriert.

Ziel ist es, möglichst viele Fahrtanfragen zu bündeln, um Strecken und Fahrzeuge gut auszulasten. „Mit vernetzten Angeboten für die erste und letzte Meile machen wir den Nahverkehr attraktiver, und das Leben ohne eigenes Auto wird gerade für junge Menschen langfristig denkbar“, sagt Ioki-Chef Michael Barillère-Scholz. Angesichts der positiven Resonanz wird das Angebot nun zunächst um zwei Jahre verlängert.

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  1. Christiane Morning
    Erstellt 19. Juli 2019 11:30 | Permanent-Link

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