Meine Woche | KW 23

Von Web-Meetings und dringenden Bedürfnissen

Oliver Graue ist Chefredakteur BizTravel
FVW Medien
Oliver Graue ist Chefredakteur BizTravel

An dieser Stelle berichtet BizTravel-Chefredakteur Oliver Graue über seine Woche im Business Travel.

Sie gehört zu den großen und für das Business-Travel-Segment entscheidenden Fragen: Wird sich die derzeitige (quasi alternativlose) Angewohnheit zur Webkonferenz nachhaltig durchsetzen, also auch nach Corona – oder werden wir alle wieder zum persönlichen Treffen zurückkehren? Ganz besonders von dieser Frage hängt es ab, ob es in den kommenden Jahren tatsächlich zu einem deutlichen Rückgang bei der Zahl der Geschäftsreisen kommt oder ob wir irgendwann wieder an das Niveau von 2019 anknüpfen werden.

Einfach zu beantworten ist das nicht. Denn zumindest vorherige Krisen wie die Finanzkrise 2008/2009 haben gezeigt, dass vom damaligen Trend zur Webkonferenz am Ende nichts übrig geblieben ist. Ganz im Gegenteil erreichten Zahl und Umsatz der Geschäftsreisen sogar Jahr für Jahr neue Rekordwerte.

Doch diesmal ist vieles anders. Erstens ist die Digitaltechnik deutlich fortgeschrittener als noch 2009, das heißt, die virtuellen Treffen sind einfach und problemlos für jedermann vorzunehmen. Zweitens werden viele, die sie bislang noch eher ablehnten, ihren Gefallen an ihr gefunden haben: Auch auf digitalem Weg lassen sich viele Dinge effektiv abklären – genau so effektiv, als würde man sich auf eine zeit- und kostenaufwändige Dienstreise begeben.

Und drittens schließlich wird genau dieser Faktor "Kosten" nach Corona eine deutlich wichtigere Rolle spielen als etwa nach der Finanzkrise: Weitaus mehr Unternehmen als damals sind finanziell angeschlagen, und zu den ersten Bereichen, in denen der Rotstift angesetzt wird, gehören erfahrungsgemäß die Geschäftsreisen.

Andererseits: Wann immer ich derzeit mit Freunden, Bekannten und Kollegen rede, höre ich immer wieder Sätze wie: "Ich bin die Zoom- und Teams-Konferenzen so etwas von leid! Sobald es wieder möglich sein wird, relativ gefahrlos zu reisen, werde ich das tun!"

Denn Tatsache ist, dass gerade für wichtige Kundengespräche und Verhandlungen, bei denen es um mehr geht als nur um nüchterne Worte, nämlich um Mimik, Gestik, vielleicht auch um persönliches Kennenlernen und Small Talk, der zum gegenseitigen "Auftauen" beiträgt, dass es gerade hier eigentlich nur "von Mensch zu Mensch" funktioniert und nicht über den Umweg der Maschine.

Und seien wir ehrlich: In Zeiten des Fachkräftemangels – die mit Sicherheit zurückkehren werden –, gewinnen Arbeitgeber gute Leute nur mit attraktiven Angeboten. Und dass gerade das Reisen-Können viel zur Attraktivität eines Jobs beiträgt, zeigen Umfragen immer wieder.

"Ich glaube nicht, dass Webkonferenzen auf lange Sicht das Reisen ablösen oder auch nur massiv reduzieren werden", sagte mir dieser Tage der Travel Manager eines Dax-Konzerns. "Vielmehr werden sie das persönliche Unterwegssein ergänzen."

Das heißt: Man trifft sich zusätzlich zu den Geschäftsterminen vor Ort zwischendurch auch digital, um die eine oder andere Zusatzfrage abzuklären. Hinzu kommt: Firmeninterne Treffen, bei denen sich die Partner bereits gut kennen, werden häufiger virtuell als persönlich geführt werden. Die Zahl derartiger interner Meetings könnte also tatsächlich deutlich abnehmen.

Ich gebe zu, eine genaue Prognose in dieser Hinsicht wage ich nicht. Und vieles wird wohl davon abhängen, wie schnell sich die wirtschaftliche Lage wieder verbessern wird - je schneller, desto eher wird wieder häufiger gereist werden (davon bin ich allerdings überzeugt).

Auch wenn manche Webkonferenz durchaus zu einem unvergesslichen Höhepunkt werden kann. Ein Travel Manager erzählte mir kürzlich davon: Ein Teilnehmer eines Digital-Meetings wollte nicht den Anschluss verlieren, hatte jedoch ein dringendes Bedürfnis. Also nahm er seinen Laptop kurzerhand mit auf die Toilette. Dass die Kollegen aus aller Welt diesen Gang live mitverfolgen konnten, daran hatte er nicht gedacht. Und für einen Moment peinlicher Berührung gesorgt.

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