Meine Woche | KW19

Burn-out, Bore-out – oder den Friseur doch verschieben?

Oliver Graue ist Chefredakteur BizTravel
FVW Medien
Oliver Graue ist Chefredakteur BizTravel

An dieser Stelle berichtet BizTravel-Chefredakteur Oliver Graue über seine Woche im Business Travel.

Zugegeben, es passiert mir nur selten. Aber manchmal eben doch: Nach einem anstrengenden Tag oder einem üppigen Abendessen lege ich mich aufs Wohnzimmer-Sofa – eigentlich, um entspannt in der Tageszeitung zu blättern. Oder um in einem Buch zu lesen.

Und dann passiert es, dass so langsam die Augen zufallen – und ich erst einige Stunden später aufwache. Meine Frau behauptet dann zwar, sie hätte mich mehrfach angesprochen und zum Ins-Bett-Gehen aufgefordert, und ich hätte daraufhin jedesmal "ja, sofort" gemurmelt. Aber daran kann ich mich nie erinnern.

Naja, jedenfalls lief kürzlich sogar noch der Fernseher, als ich deutlich nach Mitternacht auf dem Sofa aufgewacht bin: die SWR-Schlagernacht! Nein, ganz ehrlich, die hatte ich nicht eingeschaltet. Trotzdem hatte ich, als ich die Frisuren der Interpreten und Zuschauer sah, eine Art Deja-vu: Die langen Haare und dichten Lockenköpfe erinnerten mich an die heutigen (bis kürzlich noch) friseurlosen Zeiten.

Gab es in den 80ern vielleicht auch schon mal eine Zeit, in der die Salons dicht hatten? Daher überlegte ich kurz, meinen eigentlich geplanten Friseurbesuch doch nochmal zu verschieben. Denn was damals Mode war, kann heute ja nicht nicht schlecht sein. Mit dem Unterschied, dass in den 80er-Jahren Vokuhila getragen wurde (also "vorne kurz, hinten lang") – und heute ist es eher Volahila ("vorne lang, hinten lang").

Es ist schon heftig, wie die Gesellschaft in Zeiten von Corona auseinanderdriftet – trotz aller Solidarität natürlich. Immer wenn ich mit Freunden oder Kollegen maile oder telefoniere, fällt mir das extrem auf: Während die einen sich über die Kurzarbeit als "tolle Entschleunigung" freuen, wünschen sich andere, dass diese Zeit so schnell wie möglich vorbeigeht: nicht allein aus finanziellen Gründen, sondern auch, weil sie gestresst sind wie nie zuvor.

Sie haben zusätzlich zu ihrer Arbeit (so sie denn nicht in 100 Prozent Kurzarbeit sind) die Kinder zu betreuen oder sorgen sich um ihre wirtschaftliche Zukunft. Und wieder andere langweilen sich zu Tode, weil sie mit der neuen Freizeit nichts anzufangen wissen. Bei den einen herrscht also Bore-out, während andere kurz vor dem Burn-out stehen – eine seltsame Welt!

Ach so, die Schlagerparade habe ich mir trotz aller Müdigkeit noch eine ganze Zeit lang angesehen. Und fast jedes Lied konnte ich mitsingen. Frage: Ist das peinlich? Oder noch normal?
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