Meine Woche | KW 47

Von Singvögeln und von Lücken im Leben

Oliver Graue ist Chefredakteur BizTravel
FVW Medien
Oliver Graue ist Chefredakteur BizTravel

An dieser Stelle berichtet BizTravel-Chefredakteur Oliver Graue über seine Woche im Business Travel.

Montag, 16. November 2020

Kommt es mir nur so vor? Ich habe jedenfalls den Eindruck, dass in diesem Jahr mehr Singvögel bei uns unterwegs sind als in den Vorjahren. Obwohl die Zugtiere längst in Richtung Süden abgehauen sind, höre ich es nach wie vor jeden Morgen laut piepen. Und wenn wir unterwegs sind, fallen uns immer wieder Spatzen, Rotkehlchen, Drosseln oder Buchfinken auf. In unserem Garten lässt sich ab und zu sogar ein Specht blicken – den hatten wir vorher nicht.

Liegt es daran, dass die Vögel im ersten Lockdown im Frühjahr ungestörter als sonst brüten konnten, dass wir also mehr Nachwuchs haben als sonst? Das wäre dann ein positiver Corona-Nebeneffekt.

Natürlich kann es aber auch sein, dass ich in diesem Jahr durch die regelmäßige Home-Office-Tätigkeit näher am tierischen Geschehen bin als in Bürozeiten. Erstens, weil es bei uns zu Hause grüner ist, und zweitens, weil es ruhiger zugeht als in der Redaktion, das Zwitschern also besser zu hören ist. Und schließlich bin ich in diesem Jahr auch zu weitaus mehr Spaziergängen unterwegs als in den Vorjahren – abends nach Feierabend und auch ein wenig als Urlaubsersatz.

Insgesamt habe ich dennoch den Eindruck, dass in früheren Jahren "mehr Vogel" war. Und ich wünsche mir, dass es so auch wieder kommt. Dafür müsste das brutale Abschießen der Vögel vor allem in Südeuropa aber ebenso ein Ende finden wie das Zurückdringen der natürlichen Vielfalt bei uns.

Dienstag, 17. November 2020

In Corona-Zeiten gehe ich nicht nur häufiger spazieren, ich lese auch mehr. Und ein Buch, das ich soeben beendet habe, möchte ich Ihnen ganz besonders ans Herz legen: "Irische Passagiere" von Richard Ford, eine Sammlung von insgesamt neun Erzählungen (Hanser Berlin, 228 Seiten, 22 Euro). An den letzten Abenden habe ich vorm Zu-Bett-Gehen jeweils eine dieser Kurzgeschichte gelesen.

Und es hat mich fasziniert, wie präzise Ford darin unser "Menschein", unsere Unvollkommenheit und unsere Schwächen beschreibt – und das alles auf eine eher beiläufige, witzige und lässige Art und Weise. Wunderbar melancholisch ist das Ganze auch noch.

Immer wieder geht es um die oft hintergründigen Dinge, die beispielsweise auch "feste" Freundschaften höchst verletzlich machen können, oder um das Widersprüchliche unserer Gefühle. Es geht um Risse in unserem Leben, um Lücken, um Verluste – aber Ford beschreibt sie nie im negativen Sinne, sondern aus der Sicht des großen Menschenfreunds.

Weitere Lesetipps halte ich in diesem Jahr "en masse" parat. Falls Sie interessiert sind (und die dunkle Jahreszeit hat ja bereits begonnen), finden Sie diese auf biztravel.de, wenn Sie als Suchwort "Lesetipp" eingeben.

Ach, und einen Wunsch hätte ich noch, oder sagen wir: eine Anregung. Schauen Sie doch, ob Ihr lokaler Buchhändler die Ausgaben vorrätig hat oder sie bestellen kann (geht normalerweise immer). Wenn am Ende nur noch die großen amerikanischen IT-Versandkonzerne (naja, es ist eigentlich nur einer) überleben würden, wäre das doch ein großer Verlust für unsere Städte, für unsere Vielfalt!




1 Kommentar

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1.
Anna Lena Ott
Erstellt 18. November 2020 09:54 | Permanent-Link

Vielen Dank für Ihren Text :)

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