Meine Woche | KW 41

Warum Corona Japans Stempelwesen bedroht

Oliver Graue ist Chefredakteur BizTravel
FVW Medien
Oliver Graue ist Chefredakteur BizTravel

An dieser Stelle berichtet BizTravel-Chefredakteur Oliver Graue über seine Woche im Business Travel.

Montag, 5. Oktober 2020

Mich erinnert es an den März und April, als die Corona-Zahlen drastisch stiegen und immer mehr Länder zu Risikogebieten erklärt wurden oder selbst die Grenzen dicht machten: Auch jetzt müssen wir unsere Einreiselisten auf www.biztravel.de/fvw.de wieder mehrfach täglich aktualisieren. Und fast allabendlich verkündet das Auswärtige Amt neue Corona-Risikogebiete, weil in dem betreffenden Land oder in der betreffenden Region die Zahl der Neuinfektionen die kritische Marke überschreitet.

Vor gut vier oder fünf Wochen gab es kaum noch einen Staat in unserer Liste "In diese Länder können Deutsche derzeit reisen", den man nicht besuchen konnte. Inzwischen ist es (wieder) umgekehrt: Bereits für mehr als die Hälfte selbst der EU-Länder gelten wieder Reisewarnungen.

Oder genauer gesagt: Sie gelten meist nicht für die gesamten Länder, sondern "nur" für bestimmte Regionen innerhalb dieser Länder. Und genau das ist der große Unterschied zum März oder April. Galten "damals" die Reisewarnungen für den kompletten Staat, sind nun einzelne Bundesländer, Kantone, Bezirke, Regionen, Kreise und inzwischen sogar Gemeinden betroffen – oder umgekehrt von einer Reisewarnung ausgeschlossen.

Ohne Frage, dadurch ist das System "gerechter" geworden. Denn warum etwa sollte man nicht mehr ins schweizerische Basel reisen dürfen, wenn sich Corona vor allem in den Kantonen Genf und Waadt verbreitet? Warum sollte ein Abstecher ins Kleinwalsertal nicht möglich sein, das zwar zum stark "befallenen" Bundesland Vorarlberg gehört, aber selbst derzeit keine Infektionen aufweist?

Gerechter? Ja. Zugleich aber auch deutlich komplexer und komplizierter. Wer eine Reise ins Ausland plant, muss sich nun vorab sehr genau darüber informieren, in welchen Bezirk und in welche Gemeinde es konkret geht. Und zugleich sollte er/sie stets die Entwicklung der Corona-Zahlen vor Ort im Auge behalten, am besten direkt auf der Seite des Europäischen Zentrums für Seuchenbekämpfung.

Dienstag, 6. Oktober 2020

Wer an Japan denkt, der denkt an technologischen Fortschritt. Gerade in puncto Digitalisierung liegt das fernöstliche Land weit vorn. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Denn zugleicht gibt es nur wenige Kulturen, die so sehr um den Erhalt ihrer (analogen) Traditionen bemüht sind wie Japan. Wenn sich etwas bewährt hat, dann halten die Japaner daran fest – ganz egal, wie alt und scheinbar "überholt" es ist.

Zu den wichtigsten Traditionen gehört das Stempelwesen. Nirgendwo wird so viel gestempelt wie in Japan. Ein Dokument ist in aller Regel nur dann gültig, wenn es in Papierform existiert – und wenn es abgestempelt ist.

Digitalisierung und elektronische Unterschrift konnten diesem Brauchtum bislang nur wenig anhaben. Doch nun droht dem Stempelwesen Gefahr – durch Corona. Denn in Zeiten der Pandemie verlassen viele Japaner nur deshalb ihr Home Office, um im Büro Stempel zu setzen.

Aber rechtfertigt der Stempel das Corona-Risiko, dem sich Pendler aussetzen müssen? Nein – sagen immer mehr Gesundheitsfachleute. Ja – sagen Kulturpolitiker. Mehr als 30 Abgeordnete haben nun die "Liga zum Schutz des japanischen Siegelsystems und der japanischen Kultur" gegründet, wie unlängst die "Neue Zürcher Zeitung" berichtete.

Und trotz aller Pandemie: Ich fände es ehrlich gesagt schade, wenn ihr eine solche jahrhundertealte Tradition zum Opfer fallen würde. Klar: Man braucht sie nicht mehr. Die meisten Traditionen sind überflüssig. Doch zugleich sind sie ein wichtiger Bestandteil von Kultur. Und damit schützenswert.


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