Meine Woche | KW 39

Von guter Lobby-Arbeit und neuer Ruppigkeit

Oliver Graue ist Chefredakteur BizTravel
FVW Medien
Oliver Graue ist Chefredakteur BizTravel

An dieser Stelle berichtet BizTravel-Chefredakteur Oliver Graue über seine Woche im Business Travel.

Freitag, 18. September 2020

Ob und wie Wirtschaftszweige die Corona-Pandemie überstehen, hängt auch von der Politik ab: Gerade für die besonders gebeutelten Unternehmen aus der Reise- und Veranstaltungsbranche ist massive staatliche Hilfe unabdingbar. Das aber bedeutet auch: Vertreter aus MICE, Geschäftsreise und Touristik müssen mehr denn je den Dialog mit den Abgeordneten und Ministern suchen.

Für mich stand die vergangene Woche ganz im Zeichen dieses Themas: Ich habe ein äußerst spannendes Gespräch mit dem Lobbyberater Georg Ehrmann geführt, der unter anderem den Verband Deutsches Reisemanagement (VDR) in Berlin und Brüssel vertritt. Ehrmann hat mir erklärt, wie gute und erfolgreiche Lobbyarbeit funktioniert. Und er hat gesagt, was derzeit in unseren Branchen schief läuft.

An den Tagen danach war ich gemeinsam mit dem Verband der Veranstaltungsorganisatoren (VDVO) in Berlin. Dort trafen wir uns unter anderem mit Michael Grosse-Brömer, direkt gewählter Abgeordneter des Landkreises Harburg und Parlamentarischen Geschäftsführer der CDU/CSU-Fraktion im Bundestag. Ihm haben wir die Probleme der MICE-Branche dargelegt – auch dieses Gespräch war sehr interessant. Über beides lesen Sie ausführlich in der am Freitag erscheinenden fvw.

Dienstag, 22. September 2020

Fünf Wörter sind entscheidend: "wenn sich alle daran halten". Das jedenfalls sagte dieser Tage Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer, als er betonte, er sehe keinen Anlass, Zugfahrten in der Corona-Krise zu meiden. Zumindest bei den deutschen Unternehmen ist die Sorge groß, dass sich Geschäftsreisende in der Bahn möglicherweise mit Corona anstecken: Mindestabstände lassen sich in den Waggons nicht einhalten. In diesem Fall jedoch müssten die Fahrgäste eigentlich Maske tragen, sich also an die von Scheuer gemeinten Verhaltensregeln halten.

Meiner Erfahrung tragen die meisten Bahnfahrer Maske – aber nicht unbedingt über Mund und Nase. Bei meinen jüngsten Zugfahrten zwischen Hamburg und Berlin würde ich den Wert derer, die sich und andere korrekt schützen, auf eher 70 bis 75 Prozent schätzen. Mindestens ein Viertel der Fahrgäste hat die Maske unter der Nase hängen – oder nutzt sie als praktischen Kinnschutz.

Und nicht wenige Passagiere holen sich sofort, nachdem sie Platz genommen haben, Getränke und das Essen aus der Tasche: Mit Maske lässt sich das aber nicht genießen – zumindest dann nicht, wenn sie richtig aufgesetzt sind. Dass längst nicht jeder Schaffner bereit ist, die "Verweigerer" wegen ihres unsolidarischen Verhaltens zu rügen, verstehe ich übrigens voll und ganz: Erstens bringt es wenig, weil die Maske schon nach zwei Minuten wieder dort sitzt, wo sie eben nicht sitzen soll. Und zweitens hätte auch ich überhaupt keine Lust, mich permanent von Fahrgästen anpöbeln zu lassen.

Deswegen: Ja, Herr Scheuer hat vermutlich recht, wenn er bei Bahnfahrten keine erhöhte Ansteckungsgefahr sieht. Nur leider entspricht die Vorstellung, dass alle Fahrgäste solidarisch handeln, nicht der Realität.

Überhaupt habe ich den Eindruck, dass sich durch Corona der Stil im Umgang der Menschen miteinander deutlich verschlechtert hat. Auf Freundlichkeit wird immer öfter mit Pöbelei oder gar üblen Schimpfwörtern reagiert – eben so, wie man es von Kommentaren auf Facebook & Co kennt.

Vermutlich aber hat die „neue Ruppigkeit“ gar nichts mit Covid-19 zu tun, sondern sie zeigt sich hier nur deutlicher als sonst: Schon vor Monaten, also noch vor Corona, sprach ein Interviewpartner von der "VerTRUMPisierung der deutschen Sprache". Und des Benehmens. Ich glaube, das trifft es ganz gut.

Doch warum eigentlich werden die Deutschen immer unhöflicher, aggressiver und verbitterter? Warum handeln mehr und mehr Menschen rein ich-bezogen – ohne Rücksicht auf ihre Mitmenschen? Kein anderes Land hat es so gut durch Corona geschafft wie wir – und in keinem anderen Land ist der soziale Schutz so hoch wie in Deutschland. Manches muss man nicht verstehen ...


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2.
Harald Prof. Dr. Bartl
Erstellt 23. September 2020 11:20 | Permanent-Link

An sich ist rechtloich alles klar: Man kann unterschiedlicher Ansicht sein, man kann auch für seine Auffassung demonstrieren etc. Bei der Diskussion wird aber vergessen, dass dieser Rechtsstaat nur "funktioniert", wenn vom Gesetzgeber, Verwaltung oder auch Gerichten vorgesehene Regeln bis zum Zeitpunkt ihrer Änderung oder Aufhebung beachtet werden. Wer das nicht beachtet und sich sein Recht "selbst nimmt", verlässt die Basis dieses Staats. Wer nicht mit einer Regelung einverstanden ist, kann sich durchaus wehren. Leider ist der Weg vor die Gericht nicht einfach, aber zumutbar. Es kann auch sehr schnell gehen. Das haben die Entscheidungen zu Versammlungsverboten gezeigt. Es ist also nicht jedem überlassen, nach seinem Gutdünken die Verhältnismaßigkeit auszulegen. Es dürfte allerdings in heutiger Zeit sehr schwierig sein, dies wieder verständlich zu machen. Leider nimmt die Zahl derer, die sich das Recht "selbst nehmen" oder auch das Gesamtsystem ablehnen, ständig zu. Es ist eben "nicht so schlimm", wenn man Abstandsregeln und Maskenpflicht nicht beachtet. Der Staat will und kann auch nicht ständig präsent sein, um die Befolgung zu überwachen. In den Diskussionen und talk-shows werden diese grundlegenden Gedanken vielfach nicht behandelt, sondern alls zu einem "Brei" vermischt. Die Folgen haben alle zu tragen. Leider!
Prof. Dr. Harald Bartl
ehemals Hochschule Worms

Ludwig Glocker
Erstellt 23. September 2020 20:35 | Permanent-Link

@Harald Prof. Dr. Bartl: Vielen Dank für Ihren Kommentar. Den sollte man in allen Tageszeitungen lesen können. Manches sollte man noch deutlicher sagen; was sind denn das für Leute, die unseren Rechtsstaat so attakieren? Könnte man sie nach Belarus oder China exportieren?
Ludwig Glocker

1.
Andreas W. Schulz
Erstellt 22. September 2020 11:14 | Permanent-Link

Beobachtungen, die (leider) nur voll geteilt werden können im täglichen "Miteinander". Rücksichtname hat leider nur limitierte Haltbarkeit.

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