Meine Woche | KW 38

Wie Kassenzettel Weltgeschichte schreiben

Oliver Graue ist Chefredakteur BizTravel
FVW Medien
Oliver Graue ist Chefredakteur BizTravel

An dieser Stelle berichtet BizTravel-Chefredakteur Oliver Graue über seine Woche im Business Travel.

 

Montag, 14. September 2020

Es gibt Dinge, die vergisst man wohl nie. So können sich die meisten von uns daran erinnern, was sie gerade taten, als sie 1989 die Nachricht vom Fall der Mauer erreichte. "Das trifft ... meiner Kenntnis nach ... ist das sofort, unverzüglich", sagte damals Günter Schabowski, Mitglied im Politbüro der SED, auf der legendären Pressekonferenz am frühen Abend des 9. November 1989 im Internationalen Pressezentrum in Ost-Berlin. Und einige Stunden später – die unglaubliche Nachricht musste erst einmal verdaut werden – kam es dann wirklich zu einem Meilenstein der Weltgeschichte.

Auch dürften die meisten von uns noch wissen, wo sie sich gerade aufhielten, als andere weltpolitisch wesentliche Ereignisse geschahen – im negativen wie im positiven Sinn. Wo waren Sie, als die arabischen Terroristen ihre Flugzeug-Anschläge in New York verübten? Und wissen Sie noch, was sie taten, als die Nachricht vom ersten deutschen Papst verkündet wurde?

In beiden Fällen kann ich mich sehr genau erinnern: Am 11. September 2001 saß ich in der Redaktion der Harburger Anzeigen und Nachrichten, nur wenige Häuser entfernt von der Wohnung der Terrorzelle in der Harburger Marienstraße 54, und wir alle konnten gar nicht glauben, was wir auf den Bildschirmen sahen. Und die Papst-Wahl am 19. April 2005 verfolgte ich – durch Zufall – im Fernsehen in einem Elektronikmarkt und eilte schnell nach Hause.

In 20 oder 25 Jahren wird sich eine weitere Frage stellen, diesmal allerdings nicht auf einen einzigen Tag bezogen, sondern auf eine mehrmonatige Epoche der Ungewissheit: Wie haben Sie den Alltag in der Corona-Pandemie erlebt? Welchen Einschnitt in Ihr Leben hat sie bedeutet?

Wissenschaftler und Museen sind bereits dabei, sogenannte Corona-Archive aufzubauen. Sie sammeln alles, was typisch für die Zeit der Seuche war (und teilweise immer noch ist). Aus Texten, Radio- und TV-Nachrichten, Fotos und Videoclips entstehen umfassende digitale Gedächtnisdatenbanken. Spätere Generationen haben die Möglichkeit, quasi jede Minute unseres Handelns in der Covid-19-Pandemie nachzuverfolgen.

Zwar wurde auch über die mindestens ebenso verheerende Spanische Grippe vor 100 Jahren sehr viel geschrieben. Im Vergleich zum heutigen digitalen Zeitalter ist das aber fast gar nichts. Wobei sich die Frage stellt: Was fangen unsere Enkel und Urenkel mit dem Wust an den gespeicherten Informationen an? Mit Abermillionen oder gar Milliarden Texten, auf die sie dann virtuell Zugriff haben? Und schauen wir uns selbst das jemals wieder an?

Ehrlich gesagt: Ich brauche das nicht. Ich mag Erinnerungen, und unsere Wohnung steckt voll davon. Aber mir reichen vermeintliche Kleinigkeiten, damit die Welt "von damals" vor meinem geistigen Auge wiederersteht – zum Beispiel der halb zerknüllte Kassenzettel aus dem März oder April 2020, die Mund-Nasenschutz-Maske und der eine oder andere Zeitungsartikel.





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