Meine Woche | KW 26

Sich die Köpfe einschlagen bringt nichts

Oliver Graue ist Chefredakteur BizTravel
FVW Medien
Oliver Graue ist Chefredakteur BizTravel

An dieser Stelle berichtet BizTravel-Chefredakteur Oliver Graue über seine Woche im Business Travel.

Dienstag, 23. Juni 2020

Hat während des Höhepunkts der Corona-Pandemie in Deutschland eigentlich jemand behauptet, die Krise würde zu einer "neuen Solidarität" in der Bevölkerung führen, zu einem stärken Mit- als Gegeneinander? Zumindest ist mir da irgendwas im Ohr. Stand heute lässt sich sagen: Das dürfte eher ein frommer Wunsch denn Realität gewesen sein.

Ganz im Gegenteil scheinen an den unterschiedlichsten Bruchstellen – die auch vor Corona schon vorhanden waren – die Risse derzeit noch stärker zu werden. Das beginnt schon im Kleinen. In den öffentlichen Verkehrsmitteln in Hamburg jedenfalls hält es längst nicht mehr jeder Gast für nötig, seine Mitmenschen zu schützen und sich einen Mundschutz überzuziehen.

Meist handelt es sich bei diesen Ignoranten genau um jene, die auch vorher schon wenig Rücksicht haben walten lassen und derart in ihr Handy brüllten, dass sich niemand auf seine Zeitung oder sein (E-)Buch konzentrieren konnte. Inzwischen ist das eine unheilvolle Mischung: die Maske unterm Kinn oder in der Tasche statt vorm Mund und zugleich lautes Reden im Innenraum – da kann man nur hoffen, dass diese Menschen nicht infiziert sind.

Und im Großen setzt sich das Ganze fort. Höhepunkt sind sicher die Ausschreitungen in Stuttgart, in denen Anhänger der "Partyszene" – meist junge Männer verschiedenster Nationalitäten – aus purer Freude an der Brutalität gegen Polizisten treten, Schaufenster einschmeißen und Geschäfte plündern. Bilder, die man aus Deutschland bislang nicht gewohnt war.

Alles andere als hilfreich ist es da, wenn eine SPD-Parteichefin der deutschen Polizei einen "latenten Rassismus" unterstellt oder die "taz" in ihren Artikeln so formuliert, wie es in unheilvollen Zeiten die NS-Postille "Der Stürmer" tat. "Eine Enthemmung der Worte führt unweigerlich zu einer Enthemmung der Taten", sagt Bundesinnenminister Seehofer. Er hat Recht.

Und ebensowenig trägt es zum Zusammenhalt bei, wenn Teile der Bevölkerung meinen, dass Gesetze und Verordnungen für sie nicht gelten würden. Um beim Beispiel Maskenpflicht zu bleiben – manche Anti-Rassismus-Aktivisten scheinen sich selbst genauso von Pflichten auszunehmen wie Partywütige oder bestimmte Fleischkonzerne.

Auf welch sachlichem Niveau verlaufen da – zumindest im Vergleich – die Auseinandersetzungen in unserer Branche. Auch hier geht es hart zur Sache, aber nicht grundlos: Reisebüros und Unternehmen zum Beispiel klagen die Fluggesellschaften an, weil sie noch immer auf Rückerstattungen warten. Manche, vor allem die Mittler, sind auf das Geld angewiesen, weil ihre Kunden es zurückhaben wollen.

Und, ja: Die Reisebüros haben Recht. Aber Hand aufs Herz: Auch die Fluggesellschaften sind nicht schuld an Corona, und ihnen vorzuwerfen, sie wären auf eine solche Pandemie nicht hinreichend vorbereitet gewesen, ist scheinheilig. Wer war darauf denn überhaupt vorbereitet?

Es ist ein Teufelskreis: Um Millionen von Rückzahlungen zu bedienen, bräuchte es nicht nur Liquidität, sondern auch Personal, welches dies rasch erledigen könnte. Viele Beschäftigte sind jedoch in Kurzarbeit, weil sie einfach nicht bezahlt werden können.

Ja, wir müssen den Finger in solche Wunden legen, und das machen wir als BizTravel ja auch. Allerdings bringt es wenig, sich gegenseitig des "rechtswidrigen Verhaltens" anzuklagen. Denn seien wir ehrlich: Den Fall, dass eines Tages ein tödliches Virus die gesamte Wirtschaft lahm legen würde, hat kein Gesetz dieser Welt vorgesehen oder gar umfassend geregelt.

"Es könnte sein, dass wir uns in einiger Zeit gegenseitig sehr viel verzeihen müssen", hat Gesundheitsminister Jens Spahn vor einigen Wochen gesagt. Ich fürchte, genau so wird es sein. 




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