Lufthansa und Iata

"Ständiges Testen wird alles verändern"

Alexandre de Juniac (Iata) und Lufthansa-Chef Carsten Spohr.
Andreas W. Schulz
Alexandre de Juniac (Iata) und Lufthansa-Chef Carsten Spohr.

Testen, testen, testen: So lässt sich die wichtigste Forderung der Luftfahrt beschreiben. Unmittelbar vor Abflug soll jeder Passagier einen Corona-Schnelltest absolvieren.

Auf der gerade erstmals nur virtuell stattgefunden jährlichen Luftfahrtkonferenz World Aviation Festival in London hatte der britische Veranstalter Terrapinn für drei Tage eine hochkarätige Riege internationaler Luftfahrtmanager aufgeboten, die per Videokonferenz zu den brennenden Themen der Branche Stellung nahmen und intensiv diskutierten.

Ganz klar im Fokus war die Diskussion um Auswege aus der Corona-Krise. Die Alarmglocken klingen bei Fluggesellschaften und dem Weltluftfahrtverband Iata schrill. Kein Wunder, denn 92 Prozent (gegenüber 2019) der internationalen Reisetätigkeiten sind seit rund sechs Monaten nicht mehr existent, so die Iata. Praktisch vollständig bleiben die Geschäftsreisen aus, die insbesondere für die Langstrecke die wichtigste Zielgruppe darstellen.

Seit Beginn der Krise ist die Unsicherheit bei den Menschen stetig gewachsen, da Regierungen und Institutionen mit vielfältigen, oft undurchsichtigen und widersprüchlichen Maßnahmen das Vertrauen in sicheres Reisen nicht gerade gefördert haben. Die Luftfahrtbranche hat schon immer mit dem Thema "Sicherheit" geworben und sieht sich in der gegenwärtigen Krise oft von den Regierungen allein gelassen, weltweit verbindliche Covid-19 Testkriterien und Verfahren einzuführen.

Für Alexandre de Juniac, dem Chef der Iata, ist es daher entscheidend, die verlorene grenzüberschreitende Reisefreiheit "durch ein systematisches Covid-19 Testverfahren für alle Reisenden unmittelbar vor dem Abflug zu ermöglichen". Sowohl für Regierungen als auch für die Reisenden soll durch das ausnahmslose Testen wieder Vertrauen und Sicherheit geschaffen werden, um Grenzen wieder zu öffnen und Quarantäneauflagen obsolet zu machen.

"Das wird wieder Millionen Menschen an ihre Arbeitsplätze bringen", gibt sich de Juniac überzeugt. Lufthansa-Chef Carsten Spohr, zurzeit auch Iata Chairman, stößt ins selbe Horn: "Ich bin ein großer Verfechter für das Testen vor Abflug. Es wird ein Game Changer für unsere Industrie werden."

Spohr und de Juniac beziehen sich dabei auf ein neues Antigen-Testverfahren, das "in wenigen Wochen, noch im Oktober, im großen Stil einsatzbereit sein könnte", so die Manager. Ein Ergebnis solle dann innerhalb von 15 Minuten vorliegen und nicht mehr als rund sieben Euro pro Test kosten. Das wäre ein großer Durchbruch zu den bisherigen, mehr aufwendigen und zeitintensiven PCR-Testungen.

Für Spohr ist ganz klar: "Ohne diese Tests wird es keine schnelle Öffnung der Transatlantikverkehre geben." Um diesem Verfahren aber zum Durchbruch zu verhelfen, müssen alle Beteiligten, Regierungen, Verbände und Fluggesellschaften an einem Strang ziehen und sich einig sein. Bisher eine unüberbrückbare Kluft und Zersplitterung.

Jedoch sehen Spohr und de Juniac nun konkrete Signale aus der Politik, sich zügig zu bewegen und auf ein verbindliches Testverfahren zu einigen. Spohr könnte sich vorstellen, bis Weihnachten etwa erste Strecken in die USA wieder umfänglich zu bedienen.

Für viele Fluggesellschaften, so der Lufthansa-Chef, sei dies "eine Überlebensfrage". Gerade die Geschäftsreisenden sollen so wieder zurückgewonnen werden, auch wenn Spohr davon ausgeht, "dass vielleicht zehn bis 15 Prozent der Geschäftsreisen durch Videokonferenzen und andere Technologien ersetzt werden".

Spohr sieht seine Fluggesellschaft weiter unter erheblichem Kostendruck. Ohne tief einschneidende Sparmaßnahmen auch in den kommenden Jahren wird es nicht gehen. Neben der Flottenreduktion in der Lufthansa-Gruppe um aktuell rund 150 Maschinen könnten – wie berichtet – auch Unternehmenbereiche wie Lufthansa-Technik zum Verkauf stehen. Für Spohr ist es aber eindeutig entschieden, nicht an das Loyalitätsprogramm Miles and More zu gehen. "Das ist zu wertvoll für die Lufthansa-Gruppe, um es zu veräußern", unterstreicht der Lufthansa-Chef.


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