Lesetipp

Scharfsinnige Wanderung durch die Welt

Paul Zsolnay Verlag

Ob aus Odessa, Albanien oder von Mitteuropas größtem Truppenübungsplatz: Wenn Karl-Markus Gauß von seinen Reisen berichtet, dann spitzt er scheinbare Kleinigkeiten auf, die in Wirklichkeit aber das Wesentliche bilden.

In seinem vergangenen Buch hat uns Karl-Markus Gauß gezeigt, wie man auf engstem Raum die ganze Welt entdecken kann: "Abenteuerliche Reise durch mein Zimmer", so nannte er seinen Roman, der zwar 2019 erschien, der aber noch viel besser in die jetzige Zeit der coronabedingten Unmöglichkeit echter Reisen passt.

Nur ein Jahr später legt der Österreicher nun ein neues Buch vor. "Die unaufhörliche Wanderung", wie es heißt, vereinigt Reportagen und Essays aus den Jahren 2001 bis 2019, führt also wieder in die wirkliche und weite Welt hinaus. So geht es in den insgesamt 23 Beiträgen zum Beispiel in die Vielvölkerstadt Odessa, aber auch ins albanische Berat und auf den größten Truppenübungsplatz Mitteleuropas.

Und immer entdeckt der Flaneur Gauß Erstaunliches, von dem er berichtet. Meist sind es scheinbare Kleinigkeiten, die ihm auffallen. Doch er macht sie zu Großem: Weil er genau hinschaut und genau hinhört, entgeht ihm kein Detail – weder in gesellschaftlicher noch in sprachlicher Bedeutung. Scharfsinnig spießt er es beispielsweise auf, wenn aus den früheren "Konkurrenten" inzwischen "Marktbegleiter" geworden sind – die sich aber nicht weniger bekämpfen als die einstigen Konkurrenten.

Gauß wirft einen Blick hinter das Oberflächliche, er erkennt die Details, auf die es ankommt. Und es macht wahnsinnig viel Spaß, wie er uns den Spiegel vorhält – nämlich voller Feingefühl und ohne jede
plumpe Kritik.

Karl-Markus Gauß: Die unaufhörliche Wanderung. Erschienen im Verlag Paul Zsolnay. 208 Seiten, Preis:
23 Euro.
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