Länder-Reportage

Armenien, Land der Steine

Die „Frage an Radio Eriwan“ kennt im Prinzip jeder, doch touristisch ist Armenien ein weißer Fleck. Dabei bietet das Land viel: die ältesten Klöster, herrliche Natur und herzliche Menschen.

Schweigend und mit gefalteten Händen stehen die drei Mädchen vor dem Grabstein. „Wir beten für eine gute Note“, sagt Olja, lächelt ein wenig verschämt und klärt den Besucher aus dem Westen auf. „Mesrop war unser erster Lehrer“, sagt die 14-Jährige und macht einen ernsten Gesichtsausdruck, während eine quietschrosa Handtasche an ihrer Schulter baumelt: „Er hat unsere Sprache und unser Volk gerettet, weil er uns ein Alphabet gegeben hat.“Warum also sollte er nicht auch dafür sorgen, dass Olja und ihre beiden Freundinnen gute Arbeiten schreiben! Schließlich ist Mesrop Maschtoz mehr als ein gewöhnlicher Heiliger. Er ist der Nationalheilige Armeniens. Mesrop Maschtoz starb vor beinah 1600 Jahren. Und lebt dennoch fort: Museen und Institute sind ihm gewidmet, Denkmäler wie das in der Hauptstadt Eriwan erinnern an ihn, und an sein Grab im Städtchen Oschakan kommen jährlich Zehntausende. Für Schulklassen ist es ein Pflichtausflug.

Ein Wald voller Buchstaben

Mesrop Maschtoz verkörpert das Selbstbewusstsein des neuen Armeniens. Der Kirchengelehrte entwickelte einst die armenische Schriftsprache: ein aus 36 Buchstaben bestehendes Alphabet, das die Armenier als Basis ihrer Kultur und Nationalität begreifen. Seit das kleine Land 1991 die sowjetische Besatzung abschüttelte, sucht es seine Wurzeln. Zu den wichtigsten Identitätsstiftern zählen Mesrop und sein Alphabet: „Ihm verdanken wir, dass es unser Volk überhaupt noch gibt“, sagt Ara Haytayan, der als Künstler und Reiseführer in Eriwan arbeitet. Zur 1600-Jahr-Feier des Alphabets schuf der Staat einen Buchstabenwald: Jeder der 36 Lettern bildet eine gut zwei Meter hohe Metall-Skulptur, die nachts beleuchtet wird.

Mit nur 3,1 Mill. Einwohnern zählt Armenien zu den kleineren Staaten – und ist daher auf das tiefe Zusammengehörigkeitsgefühl seiner Bürger angewiesen. Problematischer ist allerdings etwas anderes: „Viele Menschen in Europa wissen nicht einmal, wo Armenien liegt“, sagt Nelly Sedrakyan, die 2009 ihr Reisebüro Nelli Travel ins Leben rief. Als „Patriotin“, die viele Jahre bei internationalen Konzernen arbeitete, will sie das ändern. Sie bietet Touristen nun Entdeckungsreisen, Kochkurse und Führungen an – zu den faszinierenden Klöstern und Kirchen, in die weltberühmten Kognak-Destillerien oder durch die tolle Naturlandschaft des Kaukasus.

Zu bieten hat das Land, das an die Türkei, an Georgien, Aserbaidschan und Iran grenzt, unendlich viel. Und was viele nicht wissen, die das Wort „Kaukasus“ hören: Armenien zählt zu den sichersten Ländern weltweit. Kriminalität ist selbst in der Millionenstadt Eriwan so gut wie unbekannt.

Eriwan wirkt modern, lebhaft, sehr sauber und bunt. Weite Plätze und Gebäude, in deren Stil sich bombastische Sowjet-Architektur und armenische Traditionen mischen, prägen die Stadt. Die Häuser bestehen aus lila, rotem oder orangem Tuffstein: Das macht selbst Plattenbauten aus der Sowjet-Zeit weniger hässlich. Herzstück von Eriwan ist die Oper, vor deren beleuchteten Springbrunnen sich abends die Menschen treffen. Ansonsten bummeln sie entspannt durch ihre Stadt und nehmen sich alle Zeit der Welt, um westlichen Besuchern freundlich und geduldig zu erklären, was diese wissen wollen. Immer wieder bitten sie zu einem gemeinsamen Foto – und bedanken sich mit einem deutschen „Danke schön“ oder „Guten Tag“.

Armenien in Kürze

Lage: Armenien ist neben Georgien und Aserbaidschan einer der drei Kaukasus-Staaten. Grenzen zu Georgien, Iran sowie Aserbaidschan und Türkei (geschlossen).Einwohner: 3,1 Mill., davon 1,1 Mill. in Eriwan. Weitere sieben Mill. Armenier leben im Ausland (Russland, USA, Frankreich).Religion: Über 95 Prozent Christen (Armenische Apostolische Kirche).Geschichte: Seit 1991 unabhängig, davor seit dem 15. Jahrhundert durch Osmanen, Perser, Russen, Türken und Sowjets dauerbesetzt. 1915/16 ermordeten die Türken armenischen Angaben zufolge 1,5 Mill. Armenier.

Grünes Land, tiefe Schluchten

Im Gegensatz zur Stadt stehen der tiefgrüne Kaukasus mit seinen Schluchten und reißenden Bergflüssen sowie die Dörfer, in denen nach wie vor die meisten Menschen in Armut leben und häufig sogar ohne Wasseranschluss auskommen müssen. Aprikosenbäume und Wildrosen blühen auf dem Land, und zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten zählen die meist zwei Jahrtausende alten christlichen Kirchen, Klöster und Kreuzsteine. Die Armenier sind stolz auf ihren Glauben, und noch heute sind 95 Prozent der Bevölkerung Mitglied der christlichen Kirche. „Wer weiß schon, dass Armenien die Wiege der christlichen Kultur ist?“, fragt Nelly Sedrakyan. Vor 1700 Jahren hatte es als erstes Land der Welt das Christentum zur Staatsreligion erhoben. Etliche Zeugnisse erinnern daran, und ein Abstecher zum Kloster Geghard sollte sich kein Besucher entgehen las sen. Die Wände des mittelalterlichen Baus bestehen zum Teil aus Fels, die Atmosphäre ist mystischdüster, die Einrichtung bis auf Reliefs mit Leoparden oder Ochsen karg. „Nichts sollte die Mönche von der inneren Spiritualität ablenken“, sagt Ara Haytayan. Und: „Wegen der ständigen Erdbebengefahr stand nie die Schönheit einer Kirche im Fokus, sondern deren Stabilität.“ Das gilt auch für das Städtchen Echmiadzin, das mit seinen vielen Gotteshäusern als „armenischer Vatikan“ gilt.Der christliche Glaube führte die Armenier aber auch in das dunkelste Kapitel ihrer Geschichte. 1915/16 begingen die Türken Massenmord an ihren Nachbarn: Geschätzt 1,5 Mill. Armenier sollen bei Massakern und Todesmärschen ums Leben gekommen sein.

Hilfe der Auslandsarmenier

Der grausame Krieg, den Armenien und das verfeindete Aserbaidschan um die Provinz Bergkarabach führten und der bis zu 40.000 Tote forderte, wird von manchen als Relikt aus dieser Zeit betrachtet. Angeblich soll das islamische Aserbaidschan 1988 gedroht haben, die „ethnische Säuberung“ „zu Ende zu führen“ – das zumindest ist die armenische Lesart des brutalen Konflikts, der bis heute schwelt. Zwischen Armenien auf der einen und Aserbaidschan und der Türkei auf der anderen Seite sind die Grenzen dicht.Überhaupt gilt das Land als krisengeschüttelt. Die Folgen des schweren Erdbebens von 1988, bei dem Zehntausende starben, wirken bis heute nach, und der Staat ist auf finanzielle Hilfe von außen angewiesen. Diese er hält es von den sieben Mill. ExilArmeniern, die größtenteils in Russland, den USA und in Frankreich leben. Zu den prominentesten Auslandsarmeniern zählt der Chansonnier Charles Aznavour.

Und noch etwas bringt dem Land die benötigten Devisen: der Export von Kognak, dem Nationalgetränk der Armenier. Der größte Hersteller Ararat – benannt nach dem 4000 Meter hohen, schneebedeckten Mutterberg – ist zwar in französischer Hand, doch ein Be such der Fabrik fehlt selbst bei Staatsvisiten nicht. Genauso wenig wie das Matenadaran Museum, das 24.000 Schriften beherbergt. Darunter die erste Bibel-Übersetzung ins Armenische – natürlich von Mesrop Maschtoz, dem Erfinder des armenischen Alphabets.

Wichtige Tipps für Geschäftsreisende

Einreise: Das Visum wird am Flughafen in Eriwan erteilt. Es ist 21 Tage lang gültig und kostet 3000 Dram (ca. 6 Euro). Wechselstuben direkt neben dem Visa-Schalter.Flüge: Armavia fliegt zweimal wöchentlich nonstop ab Berlin. Günstige Alternative ist der Flug mit Air Baltic etwa ab Hamburg, Berlin, Düsseldorf, Frankfurt oder München über Riga. www.airbaltic.deHotels: In Eriwan das sehr gute Vier-Sterne-Hotel Best Western Congress (EZ ca. 80 Euro) oder Golden Tulip (ca. 140 Euro). www.congresshotelyerevan.comWährung und Preise: Für 1 Euro gibt es 450 bis 500 Dram; Geldautomaten am Flughafen und in der Stadt. Lebensmittel günstig, Hotels und Top-Restaurants teuer.Gesundheit: Auslandskrankenkasse abschließen, Arztbesuche müssen in bar bezahlt werden. Mittel gegen Durchfall und Kreislaufschwäche in die Reiseapotheke.Sprache: Russisch spricht praktisch jeder, die jüngeren Menschen können Englisch. Ältere beherrschen oft Deutsch.Sicherheit: Armenien gilt als sicheres Reiseland, die Kriminalitätsrate ist sehr niedrig. Vorsicht nur bei Taxi-Preisen – diese unbedingt vor Abfahrt aushandeln.Touren: Sehr gute Touren bietet zum Beispiel die Agentur Nelli Travel. www.nellitravel.comLiteratur: Jasmine Dum-Tragut: Armenien (Trescher-Verlag, 21,95 Euro). Voller Detailwissen und Liebe zu Armenien. Viele praktische Hinweise.

Die Kommentare für diesen Artikel sind geschlossen.

stats