Liniendienst AF-1235

Große Freude über 40 Minuten Verspätung

Nun bleibt die Anzeigetafel ganz leer: Der letzte kommerzielle Flug hob am 8. November 2020 in Berlin-Tegel ab.
Andreas W. Schulz
Nun bleibt die Anzeigetafel ganz leer: Der letzte kommerzielle Flug hob am 8. November 2020 in Berlin-Tegel ab.

Unser Autor war beim letzten in Berlin-Tegel gestarteten Flug dabei. Vor allem Geschäftsreisende werden den Flughafen vermissen – wegen seiner zentralen Lage und der kurzen Wege.

Wenn ein Flugzeug Verspätung hat, sind meistens alle Beteiligten, ob Fluggäste oder Mitarbeiter, gereizt und genervt. Beim Flug der Air France AF-1235 von Berlin-Tegel (Iata-Airport-Code TXL) nach Paris Charles de Gaulle (CDG) am 8. November 2020 war alles ganz anders: Hier hätte die knapp 40-minütige Verspätung gerne noch länger dauern dürfen!

Warum? Es war der ultimativ letzte Linienflug aus TXL, den die Air France gern durchführte, war sie doch auch am 2. Januar 1960 die erste Fluggesellschaft, die Berlin-Tegel anflog und damit den vormals nur militärisch genutzten Airport im damaligen französischen Sektor für den zivilen Flugverkehr öffnete.

Entsprechend wurde dieser höchst emotionale Abschiedsflug, der von Hunderten Flughafenmitarbeitern, vielen Ehrengästen und schaulustigen Besuchern begleitet wurde, zu einem besonderen und einmaligen Ereignis, bevor TXL nun endgültig Geschichte wird.


Berlin-Tegel, so Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup, hat "eine eindrucksvolle Geschichte", die aus den Anfängen des Baus einer Start- und Landebahn im Jahr 1948, bis heute reicht. Tegel war für die Berliner das "Tor zur Welt", erzählt stolz Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller.

Seine damalige charakteristische Terminalarchitektur und Neugestaltung aus dem Jahr 1974 war "State of the Art" und richtungsweisend für andere Airports. Dass es dann in den letzten Jahren zunehmend schwieriger wurde, für Fluggesellschaften und den Flughafen einen reibungslosen Betrieb zu gewährleisten, lag nicht zuletzt daran, dass der Luftverkehr boomte und der neue Flughafen BER einfach nicht fertig werden wollte.

TXL war damals von dem Star-Architektenteam Gerkan, Mark und Partner für sieben bis zehn Millionen Fluggäste ausgelegt worden. Im Jahr 2019 musste der aus allen Nähten platzende und nicht mehr zeitgemäße Airport mit 24,4 Mio. Fluggäste irgendwie damit fertig werden.

Air France setzt den Schlusspunkt: Bilder vom letzten Abflug in Berlin-Tegel



Für Geschäftsreisende war TXL – trotz aller Unzulänglichkeiten – immer die klare Wahl: ein Airport der kurzen Wege, mit hervorragender Lage. So erinnert sich der heutige Air France-KLM-Chef in Deutschland, Stefan Gumuseli, an einen Geschäftstermin in der Innenstadt von Berlin, bei dem er immer noch knapp eine Stunde vor Abflug eingebunden war. "Mit einem Taxi bin ich dann noch nach Tegel losgefahren – und habe meinen Flieger tatsächlich erreicht! Das hätte ich an einem anderen Hauptstadtflughafen wohl kaum geschafft."

Gerade Air France-KLM hatte und hat ein besonderes Augenmerk in ihrer langen Verbundenheit mit TXL auf die vielen Geschäftsreisenden und privat Reisenden. Für viele begann das Tor zur Welt zwar in Berlin-Tegel, führte dann aber über die großen Flughafendrehkreuze Paris, Amsterdam und dem gemeinsamen Partner Delta Airlines, in alle Welt.

Mit Mitarbeitern vor Ort

Gumuseli hebt hervor, "dass es gerade in der gegenwärtigen sehr angespannten Corona-Krise mit vielen Unwägbarkeiten und Risiken für Geschäftsreisende sehr wichtig ist, permanent im Kontakt mit den Kunden zu stehen, ein Gesicht auch dahinter zu zeigen und das sowohl vor- als auch nach dem Flug."  Dabei hilft den beiden Fluggesellschaften, dass sie eine kontinuierliche Strategie verfolgen, mit Mitarbeitern vor Ort "Marktpräsenz und Kundennähe" zu pflegen.

"Eine Politik, die sich gerade jetzt für uns bezahlt macht", berichtet Gumuseli nicht ohne Stolz. Auch zukünftig will er an diesem Konzept festhalten und unterscheidet sich damit von vielen Fluggesellschaften, die nur noch für ihre Geschäftskunden über Call Center zu erreichen sind. Auch für den Chef der Deutsch-Französischen Außenhandelskammer (AHK) in Paris, Patrick Brandmaier, "ist die gegenwärtige Krise eine starke Belastung für viele Mitgliedsunternehmen".

Aber für den Standort Berlin mit seinem neuen Flughafen BER sieht er gute Perspektiven: "Für viele Unternehmen wie Tesla werden Hauptstadt und Region an Bedeutung zunehmen. Davon wird auch der Flugverkehr wieder profitieren. Zudem ist gerade Berlin für viele Franzosen, seien sie Geschäftsleute oder Touristen, ein attraktives Reiseziel".

Auch für die Botschafterin Frankreichs in Berlin, Anne-Marie Decôtes, "sind gute Flugverbindungen entscheidend für die engen Beziehungen zwischen Frankreich und Deutschland". Dazu ergänzt Michael Müller: "Mit der Partnerstadt Paris ist Berlin natürlich besonders verbunden – und wir freuen uns, die guten Flugverbindungen mit dem neuen BER fortzusetzen."

Für Christophe Ruch, dem erfahrenen A320-Flugkapitän auf dem letzten Flug, war Berlin-Tegel "immer ein gerne angeflogenes Ziel. Den neuen BER kenne ich noch nicht." Das wird sich aber bald ändern.

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