Anders unterwegs

Frauen auf Geschäftsreise

Noch sind Frauen auf Geschäftsreisen hierzulande deutlich in der Minderheit.
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Noch sind Frauen auf Geschäftsreisen hierzulande deutlich in der Minderheit.

Den Anstoß zum Handeln gaben eigene Erfahrungen. „Zwischen zwei fremden Männern zu sitzen, die sich breit machen und irgendwann auch noch anfangen zu stinken, das ist einfach nur unangenehm“, sagt Regina Müller, die sich bei einem norddeutschen Mittelständler um die Geschäftsreisen kümmert. „Auch wenn die Männer es natürlich nicht böse meinten – die vier Stunden Flug waren eine Qual.“

Wenn Regina Müller für ihre Kolleginnen Flüge bucht, achtet sie nun immer auf eine Sitzplatzreservierung. „Fast alle Fluggesellschaften berechnen dafür zwar eine Zusatzgebühr“, sagt die Travel Managerin, „aber das ist es mir wert.“ Für die meisten ihrer weiblichen Reisenden bucht sie Gang, einige wenige sitzen lieber am Fenster. Der unbeliebte Mittelplatz, den so manche Airline den Sparfüchsen automatisch zuweist, scheidet damit von Anfang an aus.

Lukrative Klientel für Anbieter

Mehr als jede dritte Geschäftsreise in Deutschland wird einer Umfrage von Certified, VDR und Sekretärinnen-Verband BSB mittlerweile von Frauen unternommen. Im Vergleich zu den Vorjahren bedeutet dies einen kräftigen Anstieg. So schätzten Experten noch vor fünf Jahren den Frauenanteil an den Dienstfahrten in Deutschland auf 19%, während er in Skandinavien damals schon 40% und in Frankreich 35% betragen hatte. Der Trend ist klar: In beruflicher Hinsicht reisen Frauen heute mehr denn je.

Und Studien ergeben immer wieder, dass Frauen anders unterwegs sind als ihre männlichen Kollegen. Im Hotelsegment etwa übernachten sie am liebsten in Boutique-Häusern, während Männer die großen Ketten bevorzugen (Umfrage Wanup). Differenzen gibt es auch bei der Mobilität. Während das weibliche Geschlecht immer häufiger Carsharing als Alternative zum Taxi nutzt, stehen laut einer Umfrage des Deutschen Reiseverbands die Männer auf klassische Mietwagen. So greift inzwischen die Hälfte der weiblichen Führungskräfte gern auf Anbieter wie Car2go, Drive Now & Co zu – bei ihren männlichen Kollegen ist dies nur ein Drittel.

Gern mal Leihfahrrad statt Taxi

Und weitaus häufiger steigen Frauen für kürzere Fahrten auch schon mal aufs Leihfahrrad, um einen Geschäftstermin zu erreichen (27% der weiblichen und 17% der männlichen Führungskräfte). Die übergroße Mehrheit der Männer – nämlich 83% – würde in puncto Anschlussmobilität immer den Mietwagen oder das Taxi, sprich das Auto präferieren. „Die Botschaft an die Leistungsträger ist es, die Angebotslücke zu schließen und die Wünsche der weiblichen Zielgruppe zu erfüllen“, sagt Inge Pirner, VDR-Präsidiumsmitglied und Leiterin des VDR-Hotelausschusses. „Gerade in puncto Sicherheit haben Frauen andere Bedürfnisse, da sie anderen Gefahrenpotenzialen als Männer ausgesetzt sind.“ Nicht zuletzt sind die in der Regel allein reisenden Geschäftsfrauen für die Anbieter eine lukrative Klientel – eine, die bereits ist, für guten Service zu zahlen.

1. HOTEL: Wie Unterkünfte punkten können, ermittelte die bereits zitierte Umfrage von Certified, VDR und BSB. Im Fokus steht das Thema Sicherheit, ganz besonders (aber nicht ausschließlich) bei Häusern im Ausland. Hilfreich sind hier Angebote wie Türspione, Sicherheitsschlösser oder Türstopper. Auch sollten nicht solche Räume an Frauen vergeben werden, die im Erdgeschoss oder im 1. Stock liegen, wo statistisch gesehen eher Kriminelle einbrechen als auf höheren Etagen. Einige Hotels bieten sogar „woman-friendly rooms“ an, meist ganze Etagen, auf denen nur Business-Frauen wohnen. Zu den Vorreitern gehören hier die Leonardo Hotels.

Dabei geht es nicht allein um Sicherheit, sondern auch um die Atmosphäre. Frauen wünschen sich ein nettes Ambiente, sie wollen persönlichen Service und benötigen in ihrem Zimmer mehr Platz und Stauraum als Männer. Hinzu kommen weitere Sonderwünsche. In den Leonardo-Zimmern beispielsweise finden sich mehr und weichere Kissen, mehr Decken, leichtere Gerichte auf der Zimmerservice-Karte, ein tragbarer Kosmetikspiegel, leistungsstarke Föns, Frauenzeitschriften und – meist gegen Aufpreis – Gelmasken für die Augen oder eine Wärmflasche. Dabei kommt es bei den weiblichen Reisenden immer gut an, vom selben Geschlecht betreut zu werden.

Andere Häuser bieten beispielsweise kleinere Bademäntel, Pflegeprodukte sowie eine Begrüßungskarte, auf der sich die Hausdame persönlich vorstellt. Eine Liste, die im Zimmer ausliegt, enthält zudem weitere bestellbare Angebote. Diese reichen vom Lockenstab über die Yoga-Matte bis hin zum Tampon. Letzteres würde kaum eine Frau an der Rezeption erfragen. Manch ein Hotel stellt – gegen eine Gebühr – auch einen Frauenkorb bereit: mit extra dicken Socken, Peeling-Lotion und Augenmaske.

Inzwischen suchen manche Unterkünfte ihre Nische auch als reine „Frauenhotels“. Das erste seiner Art in Deutschland – das „Hanseatin“ – wurde 1995 in Hamburg eröffnet. Und auch für Mallorca ist ein reines Frauenhotel geplant: Im April 2019 soll das Hotel Som im Küstenort Porto Cristo seine Tore öffnen.

Wichtiger als Männern ist Frauen eine gute Zimmerbeleuchtung. Bei der Certified/VDR/BSB-Umfrage nannten 81% diesen Aspekt. Gewünscht wird warmes Licht sowie punktuelle Beleuchtung im Badezimmer und am Spiegel. Wichtig sind zudem ein separater Arbeitsplatz (sagen 63%) und ein hoher Verwöhnfaktor. Fast 50% der Frauen wünschen sich einen bequemen Sessel im Zimmer, 31% eine Kuscheldecke. Frisches Obst ist für 62% wichtig. Aber auch Zeitschriften, Blumen und Säfte würden ihnen das Leben in der fremden Unterkunft erleichtern. Als beliebt gelten außerdem Warenproben zum Ausprobieren und Mitnehmen, etwa für die Körperpflege. 57% schätzen solche Angebote. Und 60% fänden es klasse, wenn sie auf ihren Zimmern Tipps für Einkaufen und Kulturerlebnisse fänden.

2. FLUG: Zu breit, zu schnarchig und irgendwann übelriechend: Männer auf dem Nebensitz sind für viele Frauen unangenehm. Während in Europa oder Amerika vor allem jener Männertyp als störend empfunden wird, der sich besonders viel Platz herausnimmt und der ganz selbstverständlich die gemeinsame Armlehne für sich beansprucht, lauern anderswo wirkliche Gefahren für Leib und Leben.

So gilt Indien als eines der gefährlichsten Länder für allein reisende Frauen. Zuletzt gab es immer wieder Berichte über sexuelle Übergriffe an Bord. Indiens Regierung ruft ausländische Frauen dazu auf, keine Röcke zu tragen. Und die Inlandsfluggesellschaft Vistara sorgt sogar selbst dafür, dass Frauen sich nicht mehr zwischen zwei Männer setzen müssen. Sie weist ihnen einen Gang- oder Fensterplatz zu, selbst wenn sie sich einen solchen nicht im Voraus gesichert haben. Zudem können sie sich mit einem autorisierten Taxi vom Flughafen bis zu ihrem Zielort bringen lassen.

Bei uns verlaufen die Grenzlinien bei den Geschlechterunterschieden glücklicherweise meist woanders. So wünschen sich Frauen gesünderes Essen an Bord: Die klassischen Erdnüsse, Schokoriegel oder Sandwiches sind bei ihnen weniger beliebt. Kleine Salate, fettfreie Joghurts oder auch Rohkost-Sticks wären die bessere Alternative. Und anders als Männer behaupten viele Frauen nicht nur, dass sie unterwegs arbeiten wollen – sie tun es auch. Sie wünschen sich daher mehr Steckdosen an Bord und kostenfreies Internet. Gut fänden sie zudem, wenn ihnen beim Gepäcktransport geholfen würde. Dafür würden sie auch bezahlen. Sowohl im Flieger als auch in den Lounges wünschen sie sich mehr Ablageplatz für Taschen und Mäntel.

Apropos Lounges: Trotz Berechtigung nutzt jede zweite Business-Frau diese Räume nicht. Als Grund nennen sie einer A.-T.-Kearney-Studie zufolge schlechte Luft, zu fettiges Essen und zu viele (in aller Regel männliche) lautstarke Dauertelefonierer. Den weiblichen Bedürfnissen würden ruhigere und größere Lounges entgegenkommen. Alternativ würden Frauen den Zugang zu Fitness- oder Wellness-Bereichen im Flughafen bevorzugen.

3. FLUGHAFEN: Frauenparkplätze, die sich per Shuttle-Service erreichen lassen, bieten heute viele Flughäfen. Der Frankfurter Flughafen etwa verfügt über exklusiv für Frauen reservierte Parkreihen nah an den beiden Terminals (Ladies Parking). Einige chinesische Airports haben darüber hinaus vor dem Sicherheits-Check eine Reihe eingerichtet, die nur Frauen benutzen dürfen. Zum einen richtet sie sich an jene, die sich nicht von Männern durchsuchen lassen wollen (was in Europa sowieso nicht der Fall ist). Zum anderen soll sie die übrigen Reihen entlasten, da Frauen den chinesischen Angaben zufolge mehr und kompliziertere Gegenstände an Bord bringen.

4. BAHN: Zwar gibt es Kleinkinderabteile, Familien- und handyfreie Ruhezonen – doch spezielle Frauenabteile sind bei Zügen in Deutschland noch eine Seltenheit. Eine Ausnahme macht die Mitteldeutsche Regiobahn. Auf der Linie RE6 zwischen Leipzig und Chemnitz hat die Regiobahn vor gut zwei Jahren derartige Abteile eingerichtet. Nach österreichischem Vorbild stehen sie allein reisenden Frauen sowie Müttern mit Kindern zur Verfügung. Ziel ist es, das Sicherheitsgefühl der weiblichen Fahrgäste zu stärken. Die jeweils zwei Abteile sind im mittleren Wagen neben den Ruhezonen sowie dem Dienstabteil zu finden.

Bei der schweizerischen SBB scheiterte ein solches Projekt mangels Nachfrage. Man setze nun auf andere Sicherheitskonzepte, heißt es. Zudem stößt die Idee teilweise auf grundsätzliche Ablehnung und wird von manchen Kritikern gar als „diskriminierend“ oder „beleidigend“ angesehen. In Staaten wie Japan, Indien, Mexiko, Brasilien, Ägypten oder Indonesien sind Frauenabteile längst Alltag. Und in der arabischen Welt haben sie sogar einen gesetzlich verpflichtenden Charakter.

5. BONUSPROGRAMME: „Typisch männlich“ scheinen auch die Bonusprogramme zu sein. Jedenfalls äußerten Frauen in den Umfragen ein deutlich geringeres Interesse an solchen Karten als Männer. Der Kearney-Studie zufolge ist das weibliche Geschlecht schlichtweg „weniger statusbedacht und stärker am konkreten Nutzen interessiert“ als am reinen Punktesammeln. Erschwerend kommt für manche Frauen noch hinzu, dass sich gesammelte Meilen nicht über die mitunter mehrjährige Elternzeit retten lassen.

Mögliche Ansätze zu einer besseren Kundinnenbindung sehen die Berater dennoch bei den Programmen. Denn Mitglied bei den Loyalitätsmodellen sind die meisten Frauen trotzdem. Sie würden jedoch andere Vorteile als beispielsweise die Lounge-Nutzung bevorzugen.

„Stattdessen könnten Anbieter weitere, ohnehin schon vorhandene Optionen an den Flughäfen offerieren“, schreibt Kearney in seiner Studie. Denkbar seien zum Beispiel „die standardmäßige Nutzung der Fast Lane vor der Sicherheitskontrolle oder von Kosmetik-, Pediküre- oder Manikürediensten an den Airports“. An Bahnbonus nehmen nur 50 Prozent der reisenden Frauen teil – sie kennen die Vorteile des Programms meistens gar nicht.

6. MOBILITÄT: Das Fahren in fremden Ländern insbesondere bei Dunkelheit ist nicht nur Frauen verhasst – auch viele Männer lehnen dies ab. Gut verriegelt sollte der Wagen in jedem Fall sein, und auch Fensterwischern oder anderen Menschen, die mitten auf der Straße Angebote machen, sollte man klar und deutlich seine Ablehnung signalisieren. Grundsätzlich empfiehlt es sich, nur an gut beleuchteten und belebten Plätzen anzuhalten. Und statt des öffentlichen Nahverkehrs sollte in manchen Ländern das (zertifizierte) Taxi bevorzugt werden. Dabei nimmt man nicht neben dem Fahrer Platz (das könnte dieser fehl interpretieren), sondern hinter ihm.

7. RESTAURANT: Am unangenehmsten ist es für die meisten Frauen, allein ins Restaurant essen zu gehen, ganz besonders am Abend. Die große Mehrheit der weiblichen Geschäftsreisenden dürfte solche Besuche daher ganz vermeiden und stattdessen allein auf dem Hotelzimmer essen und sich ein Essen kommen lassen.

Wer es dennoch lieber in Gesellschaft mag, kann im Internet nach Plattformen suchen, auf denen sich Business-Frauen vernetzen und verabreden. In vielen Städten haben sich inzwischen solche Gemeinschaften gebildet. „Maiden Voyage“ heißt beispielsweise eines dieser Angebote, das mehr als 7000 Mitglieder in 70 Ländern zählt. Schon vor Beginn einer Reise können die Mitglieder – die übrigens vor der Aufnahme geprüft werden – bei der jeweiligen Botschafterin nach sicheren Gegenden fürs Einkaufen oder fürs Essengehen fragen.

„Wir wollen, dass die Frauen rauskommen aus ihren Hotelzimmern und die Stadt erkunden, statt sich einzuschließen und nur zu ihrem geschäftlichen Termin rausgehen“, sagt Gründerin Carolyn Pearson. So lässt sich in dem Portal auch nach Frauen suchen, die zur selben Zeit am selben Ort sind – um sich beispielsweise zu einem gemeinsamen Abendessen zu verabreden.

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