Airline-Buchung

Erst bei Abreise fürs Flugticket bezahlen

Verbände fordern, dass Flüge erst am Check-in bezahlt werden.
Easyjet
Verbände fordern, dass Flüge erst am Check-in bezahlt werden.

Für Liquiditätsengpässe der Fluggesellschaften und die dadurch verspäteten Ticketerstattungen machen Kritiker die Vorkasse verantwortlich. Künftig soll Geld erst bei Abflug fließen.

Das Luftfahrt-Bundesamt zeigt sich alarmiert, Firmenkunden sind sauer, und die Verbraucherzentrale hat bereits Klage eingereicht: Viele Fluggesellschaften haben nach wie vor nicht alle Ticketkosten für Flüge erstattet, die sie wegen Corona annullieren mussten.

Branchenexperten sehen dies in der mangelnden Liquidität der Airlines begründet: Sie können das Geld nicht zurückzahlen, weil sie es nicht haben. Für Menschen, die nichts mit der Luftfahrt zu tun haben, klingt das merkwürdig: Wenn die Tickets doch bezahlt waren – wo ist dieses Geld jetzt? Und warum erhalten die Anbieter überhaupt Geld für Leistungen, die sie noch gar nicht erbracht haben?

Mit diesem Thema beschäftigen sich jetzt Politiker in Berlin und Brüssel. Denn dafür, dass Corona selbst bei gut verdienenden Airlines rasch für einen Liquiditätsengpass gesorgt hat, machen Kritiker das kreditfinanzierte Modell der Branche verantwortlich. Wird ein Ticket gebucht, fällt der Preis sofort an – ohne absolute Fluggarantie. Und die Airlines geben das Geld aus, bevor die Maschine abhebt.

Weniger Prozesskosten

Schon nach der Air-Berlin-Pleite 2017 forderten Geschäftsreisende, die auf ihren Ticketkosten sitzen blieben, ein neues Bezahlmodell für die Luftfahrt. Durch die Probleme, die Corona brachte, sehen sie sich nun bestätigt: Statt wie bislang Wochen oder Monate vorher sollen Passagiere künftig erst kurz vor Abflug bezahlen. "Damit würden sich die lästigen Debatten um Stornierungen und Erstattungen erledigen", sagt Inge Pirner, Vizepräsidentin des VDR. Und beide Seiten würden Prozesskosten sparen: die Travel Manager fürs Zurückfordern, die Airlines für das Zurückzahlen.

Zumindest bislang lehnen die Fluggesellschaften diesen Vorschlag ab. Sie befürchten, dass ihnen damit jede Planbarkeit verloren geht. Ohne die Sicherheit, dass frühzeitig eine gewisse Zahl an Sitzen verkauft ist, ließe sich kein Flug mehr wirtschaftlich planen. Das Geld werde für im Vorfeld anfallende Kosten benötigt. Auch seien Flugsitze eine schnell verderbliche Ware: Werden sie nicht spätestens bis zum Abflug verkauft, bleiben sie leer – die Kosten fallen aber trotzdem an.

Airlines sollen sich an Hotels orientieren

Diese Argumentation lässt der VDR nicht gelten. Ihm gehe es nicht um die Zahlung an sich. "Zu dieser verpflichtet sich jeder, der gebucht hat", sagt Inge Pirner, "sonst fallen Ausfallgebühren an." Geändert werden solle nur der Zeitpunkt: Erst beim Check-in wird der Betrag von der Kreditkarte an die Airline weitergeleitet.

Die Unternehmen wollen sich an der Bezahlung im Hotel orientieren, die sogar erst bei der Abreise vorgenommen wird. Theoretisch fällig wird sie trotzdem schon bei der Buchung, No-Shows müssen Stornogebühren leisten. Und: Von sich aus dürften Firmenkunden auch weiterhin Vorkasse leisten, wenn sie sich damit beispielsweise einen besonders günstigen Tarif erkaufen wollen. Dann aber müsse ihnen klar sein, das Geld im Falle einer Annullierung nicht zurückzuerhalten.

Fakt ist: Eine Neuregelung der Finanzierung wäre Sache der EU. Und Brüssel müsste es gelingen, weltweit Regierungen zu gewinnen, um Wettbewerbsnachteile für EU-Airlines auszuschließen und das Abrechnungssystem international einheitlich zu reformieren. Letztlich müssten auch die Fluggesellschaften selbst von dem Systemwechsel überzeugt sein. Die Travel Manager jedenfalls wollen dafür werben – mit Argumenten wie Kundenvertrauen und Liquiditätssicherung.

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4.
Hans Meixner
Erstellt 19. Oktober 2020 11:42 | Permanent-Link

Das Problem, welches die Airlines fürchten ist, dass sie sich dann um das Geld bei nicht angetretenen Flügen kümmern und eintreiben müssten. Genau umgekehrt, wie momentan. Auch der Unsinn mit den Kerosinzuschlägen sollte abgeschafft werden.

3.
Ulrich Rosenbaum
Erstellt 14. Oktober 2020 22:38 | Permanent-Link

In den 1980er Jahren, als Linienflüge noch durch die IATA reglementiert waren, war Vorkasse kein Thema. Die Tickets wurden wenige Tage vor dem Flugtermin ausgestellt und zum 15. jeden Monats, wenn ich mich recht erinnere, bezahlt. Keine Airline konnte sich mit Kundenkrediten finanzieren und das war auch gut so. Dass die meisten europäischen Airlines seinerzeit nicht profitabel waren, hing nicht mit mangelnder Planbarkeit wegen fehlender Vorkasse zusammen, sondern mit mangelndem Kostenbewusstsein, einem überzogenen Gehaltsgefüge und extrem hohen Abschreibungen auf Flugzeuge. Die zitierten Argumente der Airlines sind unsinnig.
In dieser Zeit wurden auch die Prinzipien des Reiserechts für Pauschalreisen festgeschrieben. Da seinerzeit Vorkasse im Flugwesen kein Thema war, hatte der Gesetzgeber eine Insolvenzschutz-Versicherung für Flugtickets einfach nicht auf dem Schirm. Und als sich die Vorkasse durchzusetzen begann, hatte niemand mehr daran gedacht. Ein Armutszeugnis für alle Politiker, die sich dem Verbraucherschutz widmen und wohl auch für die Verbraucherschutzorganisationen selbst.
Es ist klar, dass sich nach Corona in den Geschäftsmodellen der Fluggesellschaften einiges ändern muss. Die Branche wird laut schreiben, aber überleben.

2.
Stefan Knauf
Erstellt 14. Oktober 2020 19:42 | Permanent-Link

Absolute Zustimmung. Nirgendwo in der Wirtschaft gibt es ein derartiges Geschäftsmodell. Monate im Voraus für eine Leistung nvollständig bezahlen. Eins Satz im Artikel ist jedoch "tricky". "Von sich aus dürfen Firmen Vorkasse leisten....für günstigen Tarif..." Einspruch ! Genau dass war die Eintrittskarte der Airlines in die Vorabzahlung. Früher konnte durchaus eine langfristige stabile Reservierung gemacht werden. Mit der Einführung von "günstigen, sofort auszustellenden Tarifen" wurden die Airlines überhaupt erst auf die Idee gebracht, dass man diese Praxis auf fast alle Tarife ausdehnen kann. Bei der Reform dieses kranken Systems sollte man auch gleich die unnötigen Kersoinzuschläge abschaffen/verbieten. Kein Busunternehmen, Hotel, Taxi, Bahn usw weist Betriebskosten getrennt aus, geschweige behält diese bei Stornierung kurzerhand ein.
Kerosinzuschläge sind eine der vielen Rechtsbeugungen die bei Fluglinien usus sind. Also: Hier gehört ausgemistet. Ohne politischen Eingriff wird es nicht gehen. Frau von der Leyhen setzen Sie den betreffenden Kommissar in Bewegung.

1.
Kurt Eigler
Erstellt 14. Oktober 2020 12:48 | Permanent-Link

Die Neuregelung der Zahlungen von Flugtickets ist seit Jahrzehnten überfällig. Die Finanzierung der Airlines durch die, zum Teil Monate im voraus komplett geleisteten Zahlungen, ist ein kostenfreies Darlehen durch den Kunden. Mir ist keine vergleichbare Praxis bekannt. Die in der Branche üblichen An- und Restzahlungen sollten auch für die Airlines gelten. Auch aus Gründen der Finanzierung der Kerosinvorräte kann man nicht gelten lassen. Die Wirtschaftlichkeit der Fluggesellschaften muss auf eigenen Beinen stehen und sich die Liquidität nicht durch Kundengeldern sichern.
Kurt Eigler, Münster


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