Lesetipp

Leben in Zeiten allgemeiner Verunsicherung

Rowohlt

Stalin zählt zu den brutalsten Diktatoren des 20. Jahrhunderts. Die Verfolgung politischer Gegner war während seiner Terrorherrschaft an der Tagesordnung. Was eine solche Atmosphäre mit den Menschen macht, zeigt meisterhaft Eugen Ruges neuester Roman "Metropol".

Mehrere Millionen Menschen kamen während der Säuberungswellen in der UdSSR in den 20er-, 30er- und auch 40er Jahren des vergangenen Jahrhunderts ums Leben: Sie wurden exekutiert, starben bei gewaltsamen Umsiedlungen, durch Folter oder beim Arbeitseinsatz im Gulag. Verfolgt wurden Oppositionelle, vermeintliche Stalin-Gegner in der kommunistischen Partei, aber nicht selten auch völlig unpolitische Sowjetbürger sowie Kommunistinnen und Kommunisten, die in den 30er Jahren vor den faschistischen Regimen in ihren Ländern in die Sowjetunion geflohen waren. Der Höhepunkt dieses Staatsterrors lag in den Jahren 1936 bis 1938.

Genau in dieser Phase des „Großen Terrors“ spielt der Roman „Metropol“ von Eugen Ruge. Im Mittelpunkt steht Ruges eigene Großmutter, Charlotte. Sie war damals gemeinsam mit ihrem Mann Wilhelm vor den Nazis in die UdSSR geflohen und muss erleben, wie Freunde und Bekannte in das Räderwerk der politischen Verfolgung geraten und in Schau- oder Geheimprozessen abgeurteilt werden. In dem an Tatsachen angelehnten Roman werden Charlotte und ihr Mann eines Tages von ihrer Tätigkeit bei der Komintern suspendiert und selbst nach Moskau beordert. Weit über ein Jahr müssen sie im Hotel Metropol verbringen, zur Untätigkeit verdammt und ­ immer in der Angst, selbst vom NKWD – dem berüchtigten Geheimdienst – abgeholt zu werden. Als Grund reicht dabei mitunter schon der lose Kontakt zu einem wirklichen oder auch nur vermeintlichen Gegner Stalins. Und über genau solch einen Bekannten verfügen Charlotte und Wilhelm.

Meisterlich gelingt es Ruge in seinem neuesten Roman – der zeitlich gut 40 Jahre vor seinem ebenfalls auf der eigenen Familiengeschichte basierendem Besteller „In Zeiten abnehmenden Lichts“ spielt – die Atmosphäre der Angst und Verunsicherung widerzuspiegeln, zu der die politische Massenverfolgung führt. Sprachlosigkeit und Vereinzelung bestimmen den Alltag der Exilanten, schließlich kann schon ein falsches Wort zur falschen Zeit, zur falschen Person fatale Folgen haben. Aufkommende kritische Gedanken angesichts der politischen Zustände und wirtschaftlichen Engpässe im Land – Warum gibt es eigentich keine Hunde in Moskau? – bleiben unausgesprochen und werden verdrängt. Schließlich kann jede Kritik tödlich sein. Der Kontakt zu einen verurteilten vermeintlichen Regimegegner wird heruntergespielt. Der Schritt zur Denunziation ist da nicht weit, auch nicht für Charlotte.

Eugen Ruge: Metropol. Rowohlt, 431 Seiten, 24 Euro. ISBN-: 9783498001230.

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