Lesetipp

Deutschland und seine Kolonialgeschichte

Siedler

Die Zeit, in der Deutschland Kolonien in Übersee besaß, ist lange vorbei. Trotzdem wirkt diese Vergangenheit bis heute nach – in den früheren Kolonien wie in Deutschland. Welche Spuren die Kolonialgeschichte hinterlassen hat, zeigt Bartholomäus Grill in seinem Buch „Wir Herrenmenschen“.

Nur etwa 30 Jahre währte die deutsche Kolonialzeit: Von 1884 bis zum Ende des 1. Weltkrieges sicherte sich das damalige Kaiserreich seinen „Platz an der Sonne“ neben zahlreichen anderen, europäischen Kolonialmächten. Vor allem in Afrika – unter anderem im heutigen Namibia und in Tansania –, aber auch in der Südsee und in Asien nahm Deutschland riesige Ländereien in Besitz.

Friedlich und fair ging es dabei nicht zu. Mit Gewalt und Tricksereien wurde die einheimische Bevölkerung enteignet und brutal unterdrückt. So bringt zum Beispiel der Bremer Tabakhändler Adolf Lüderitz im heutigen Namibia Anfang der 1880er Jahre riesige Gebiete unter seiner Kontrolle – auch weil er beim Landerwerb von den einheimischen Nama mit bewusst unklaren Meilenangaben hantiert. Rund 20 Jahre später werden Tausende von Nama und Herero im damaligen Deutsch-Südwest, als sie sich gegen die Fremdherrschaft auflehnen, in einem blutigen Feldzug niedergemetzelt.

All das ist mehr als 100 Jahre her – wie sehr die deutsche Kolonialgeschichte aber auch heute noch die früheren Kolonialgebiete, aber auch hiesige Mentalitäten noch prägt, zeigt das Buch „Wir Herrenmenschen“ von Bartholomäus Grill. Der Journalist und Afrika-Kenner begibt sich auf die Spurensuche deutscher Fremdherrschaft insbesondere auf dem afrikanischen Kontinent, aber auch in der Südsee und in China. Klar wird dabei, wie einschneidend die Kolonialzeit war und welche Verwerfungen sie bis heute hinterlassen hat.

Wobei Grill aber auch die heutigen Herrscher gerade in Afrika nicht aus ihrer Verantwortung für die Entwicklung ihrer Länder entlässt. „Sie präsentieren sich als Opfer, um von ihrem eigenen Versagen abzulenken.“ Doch gerade dieses plumpe Vorgehen mache es den Europäern leicht, die Anklage der Afrikaner zurückzuweisen und „im selben Gedankengang jede historische Mitverantwortung für den maroden Zustand des Kontinents zu leugnen“, schreibt Grill. Doch so einfach macht es der Afrika-Korrespondent von Spiegel und Zeit dem Leser mit seiner Reise in die deutsche Kolonialgeschichte eben nicht. Mit seinen Reportagen aus früheren deutschen Kolonialgebieten zeigt er auch, wie auch heute noch mach imperiale Attitüde das hiesige Denken mitunter auch unbewusst prägt.

Bartholomäus Grill, Wir Herrenmenschen – Unser rassistisches Erbe: Eine Reise durch die deutsche Kolonialgeschichte, Sieder Verlag, 286 Seiten, ISBN 978-3-8275-0110-32019, 24,00 Euro

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