Lesetipp

Ein Roman, der klingt wie eine Symphonie

Hanser Berlin

In "Der letzte Satz" lässt Robert Seethaler ("Der Trafikant") den Komponisten Gustav Mahler sich an ein Leben voller Glück und Traurigkeit erinnern – bereits schwer herzkrank, auf dem Dampfer von New York zurück nach Europa.

In seinem vorherigen Bestseller "Das Feld" ließ Robert Seethaler 29 Verstorbene erzählen: In ihren Gräbern erinnern sie sich an das Leben, das sie seinerzeit in einem Provinzörtchen führten, sie rekapitulieren ihre Träume, ihre irrigen Hoffnungen und reden von unaufgedeckten Verbrechen.

In "Der letzte Satz", dem mit 120 Seiten bislang dünnsten Roman des Wieners, geht es um eine einzige Person: um den Komponisten Gustav Mahler. Und der lebt noch – wenn auch nur noch drei Monate. In New York hat der schon seinerzeit weltberühmte Musiker sein letztes Konzert dirigiert und befindet sich 1911 auf dem Schnelldampfer zurück nach Europa. Längst kränkelt Mahler, er sitzt an Deck des Schiffes, damit Kälte und Wind sein Fieber senken mögen.

In wenigen Stunden lässt Seethaler den Komponisten sich an sein Leben erinnern. Das ist reich an Erfolgen und schönen Momenten und steckt dennoch voller Bitterkeit: Fast überall, wo er tätig ist, zerstreitet sich der Perfektionist und Ungeduldige mit anderen. Seine geliebte Tochter Maria stirbt im Alter von neun Jahren an Diphterie, und seine bildhübsche Frau Alma führt längst eine geheime Beziehung mit dem Bauhaus-Architekten Walter Gropius.

Drei Monate nach der Überfahrt ist Mahler tot. Natürlich lässt sich all dies sehr genau auch bei Wikipedia nachlesen. Doch selbstverständlich geht es bei Seethaler nicht um Information. Es geht darum, über Leben und Tod nachzudenken, und es geht darum, wie scheinbar banale Sätze und ein minimalistischer Stil dennoch große Gefühle vermitteln. 

Vielleicht – und da mag man manch anderen Kritikern recht geben – ist der Sog diesmal nicht ganz so ergreifend, wie es Seethaler mit früheren Romanen wie "Der Trafikant" oder "Ein ganzes Leben" geschafft hat. Wunderschön ist das Buch dennoch.

Robert Seethaler: Der letzte Satz. Roman. Hanser Berlin. 128 Seiten, 19 Euro.

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