Lesetipp

Das Böse lauert überall, das Gute auch

Deuticke

Mit "Fliege fort, fliege fort" ist dem Österreicher Paulus Hochgatterer erneut ein großartiger Roman gelungen. Es geht um Angst, um Rache und Hass.

Furth am See: Schon seine Bücher "Süße des Lebens" (2006) und "Das Matratzenhaus" ließ Paul Hochgatterer in der fiktiven österreichischen Kleinstadt spielen. Auch in seinem neuen Roman "Fliege fort, fliege fort" führt der Kinderpsychiater und Autor seine Leser nach Furth am See. Verändert hat sich dort vieles, geblieben sind die Hauptfiguren und ihre Gewohnheiten: Kommissar Ludwig Kovacs sitzt am liebsten im Gastgarten seines Freundes Lefti, und Kinderpsychiater Raffael Horn nennt nach wie vor die ausgezeichnete Cellistin Irene seine Ehefrau. Dritter im Bunde war und ist der Benediktinerpater Joseph Bauer, umso mehr, als dass es in diesem Buch zentral um die Frage geht: Was ist eigentlich gut und richtig? Was ist böse? Und wie nah liegen diese beiden Dinge zusammen?

Raffael trifft eines Morgens seinen Sohn in der Scheune – mit einer Axt. „Was hast du vor?", fragt er. „Ein paar Leute erschlagen", antwortet ihm sein Sohn, „das macht man doch im Morgengrauen." Dann fragt er nach einer Kettensäge und Katzenfutter.

Erschreckend direkt und zugleich ungeheuer atmosphärisch kommt Hochgatterers Sprache daher, wenn er von den zahlreichen besorgniserregenden Ereignissen berichtet, die sich in Furth am See zutragen. Gewalttaten gegen ältere Bewohner werden zur täglichen Routine, und Hochgatterer erzählt aus den unterschiedlichsten Perspektiven. Zwei zeitliche Ebenen verschränken sich in seinem Roman, denn die Ursachen für das, was in der Gegenwart des Romans passiert, liegen lange zurück.

Es geht um Rache, um angestaute Wut, die nun herausbricht. Doch war das, was damals geschah – in einem Kinderheim – wirklich böse? Ging es nicht sogar um eine "gute Sache"? Und üben jene, die sich heute rächen, wirklich "Gerechtigkeit"? Darf man sich überhaupt rächen? Und was macht den Menschen eigentlich böse?

"Fliege fort, fliege fort", so endet das Lied, das Gretchen in Goethes Faust I in der Schlussszene aus dem Mund ihres getöteten Kindes singt. Und genau so nennt Hochgatterer seinen Roman, einen – wenn man denn eine Benennung braucht – literarischen Krimi, berührend, bedrückend, packend.

Hier geht es zu einer Leseprobe:
https://files.hanser.de/Files/Article/ARTK_LPR_9783552064034_0001.pdf

Paulus Hochgatterer: Fliege fort, fliege fort. Erschienen im Verlag Deuticke. 304 Seiten, Preis: 23 Euro. ISBN 978-3552064034.

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