Lesetipp

Beherzte Suche nach Gerechtigkeit

Nach "Sungs Laden" ist Karin Kalisa erneut ein großartiges Buch gelungen: "Radio Activity" steckt nicht nur voller Melancholie, sondern behandelt auch ein sozial heikles Thema.

Wenn sie spricht, dann drehen alle Hörer ihre Radios lauter: Die Stimme von Nora Tewes ist wie geschaffen für den Hörfunk. In ihrem neuen Buch "Radio Activity" erzählt Karin Kalisa davon, wie sich Nora Tewes – wegen ihrer kranken Mutter aus den USA nach Deutschland zurückgekehrt – gemeinsam mit einigen anderen Radioenthusiasten um eine freie Frequenz bewirbt. Die Gruppe erhält den Zuschlag und startet den Sendebetrieb. Allein diese Geschichte erzählt Kalisa voller Melancholie, mit sehr viel Gefühl und in einer wunderbar bildhaften Sprache.

Im Fokus des Buches allerdings steht ein furchtbares Verbrechen, von dem Nora erst erfährt, als ihr ihre im Sterben liegende Mutter davon berichtet: Als Kind wurde sie jahrelang missbraucht, von ihrem Latein-Nachhilfelehrer, der im Ort – eine norddeutsche Küstenstadt – hochangesehen ist. Juristisch ist der Fall verjährt, doch Noras Gerechtigkeitsempfinden ist ein anderes: Über Radio mobilisiert sie gegen den inzwischen 90 Jahre alten Täter.

Als sie den Rechtsreferendar Simon kennenlernt, schlagen die beiden einen anderen Weg ein, um ein Verbrechen zu sühnen, das war lange zurückliegt – das aber genau wie Radioaktivität auch die Zukunft zu verstrahlen scheint.

Nach "Sungs Laden" ist der Wahl-Berlinerin erneut ein äußerst lesenswertes Buch gelungen! Themen wie Radiomachen und Freundschaft verbinden sich darin mit sozialen, politischen Aspekten.

Karin Kalisa: Radio Activity. Erschienen bei C. H. Beck, 352 Seiten, Preis: 22 Euro. ISBN: 978-3406740930

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