TUI

Reisebranche: Außen hui - innen pfui?

Eine ZDF-Reportage über die TUI bringt viel Halbgares. Aber der Bericht zeigt auch: Die Branche muss sich ihrer Verantwortung in den Zielgebieten aktiver stellen.

von Klaus Hildebrandt, 20.08.2015, 13:04 Uhr

Die Reportage über die TUI ("Außen hui und innen...?") in der Reihe ZDF-Zoom wird von Reisebüros in den einschlägigen Foren mehrheitlich verrissen. Der mächtige Konzern auf der einen Seite, die ausgebeuteten Zimmermädchen auf der anderen – und Mallorca ein einziger Ballermann mit All-Inclusive-Verpflegung, deren Bevölkerung wenig vom Tourismus bleibt. Über einige Themen der Reportage könnte man trefflich streiten. Und über jeden anderen großen Veranstalter ließe sich ein ähnlicher Film drehen, aber der Marktführer steht nun einmal, wie schon 2013 beim ARD-Markencheck, im Fokus.

Richtig ist allerdings auch, dass über die Verantwortung in den Zielgebieten bislang in der Branche wenig diskutiert wird. Das Thema kommt immer nur hoch, wenn sich irgendwo ein Anschlag ereignet oder eine Region eine neue Steuer erfindet, um mehr Einnahmen aus dem Tourismus zu generieren. Der Deutsche Reise Verband (DRV) sowie zahlreiche Veranstalter und Fluggesellschaften haben den Ethikkodex der Welt-Tourismusorganisation UNWTO unterschrieben. Darin heißt es etwa, Tourismus-Unternehmen sollten „den gastgebenden Gemeinschaften keine sozio-ökonomischen Modelle aufnötigen, sich in der lokalen Entwicklung engagieren, die übermäßige Rückführung von Gewinnen vermeiden und die Grundrechte der Beschäftigten garantieren“.

Der Tourismus und Reiseverkehr sorgen laut der Branchenorganisation WTTC weltweit direkt und indirekt für 227 Mio. Jobs und erwirtschaften fast zehn Prozent des globalen Bruttosozialprodukts. Diese nackten Fakten helfen nicht viel weiter. Auch die Textilwirtschaft schafft viele Arbeitsplätze, aber wenn in Billiglohnländern Fabriken zusammenbrechen, hat sie eine andere Diskussion. Die Reisebranche muss deshalb nicht nur Standards einhalten – die TUI zum Beispiel beteuert, dass die im ZDF-Bericht aufs Korn genommene Hotelbeteiligung Riu weltweit mindestens die jeweiligen Tariflöhne zahlt –, sie muss auch aktiver und transparenter zeigen, was sie für die Menschen in den Destinationen tut. Vorbildliches, sozialverträgliches und umweltbewusstes Handeln hat seinen Preis. Für den Preisdruck sind allerdings nicht unbedingt raffgierige Aktionäre verantwortlich, sondern diejenigen Kunden, denen es nicht billig genug sein kann.

Kommentare

von Andreas Schulte, 21.08.15, 17:11
Was ich nicht verstehen kann - warum muss man, warum muss ausgerechnet noch ein Journalist, den Bericht eines anderen Journalisten mit Kommentaren abwerten. Was bringen hier Statements wie "Halbgares" oder Aussagen wie: "Und über jeden anderen großen Veranstalter ließe sich ein ähnlicher Film drehen." Was hat der Journalist Hildebrandt an der doch an sich brauchbaren handwerklichen Arbeit seiner beiden Kolleginnen, die sich frei, ohne Rücksicht auf das sicher auch notwendige Anzeigengeschäft, mit ihrem Thema beschäftigen konnten, konkret auszusetzen ?

von Andreas Schulte, 21.08.15, 17:33
Auch das Thema Preisdruck muss man objektiv wohl anders betrachten. Der Preisdruck wird sicher nicht von den Kunden geschürt. Da die Kunden selber passive Marktteilnehmer sind, können sie nur das nehmen, was ihnen die Anbieter vorsetzen. Das die Kunden von den Produzenten dahingehend dressiert wurden, auf das preislich günstigste Angebot zu achten und das heute dann auch häufig tun, ist ein Problem, für das ursächlich die Anbieter verantwortlich sind. Raffgierig sind auch nicht unbedingt die Aktionäre. Zumindest die Aktionäre der TUI AG habe ja jahrelang eine erstaunliche Leidensfähigkeit gezeigt. Raffgierig sind wohl eher die Manager vom Typ Peter Long. Die von anderen Verzicht fordern und deren Arbeitsplätze streichen, sich selbst aber Jahresvergütungen in Höhe von 19 Mio. Euro genehmigen.

von R.Drephal, 21.08.15, 18:22
Ich habe mit Interesse den Film gesehen, nach meiner Meinung kann die TUI nur Arbeitsplätze abbauen, Kosten drücken auf Teufel komm raus. Wir von Airtours hier in Frankfurt konnten ein Lied davon singen. Ein Skandal, wenn die Aussage stimmt das sich P.Long 19 Mio p.A. an Gehalt genehmigt. Hat er sich einmal die Gehälter der sog kleinen Angestellten angesehen? Mit Fred Ladwig hatte die airtours noch einen menschlich agierenden Manager, alles was danach kam ? Großes Schweigen!! Die heutige TUI ist nicht mehr meine alte Firma, für die ich gerne gearbeitet habe. Wir haben die besten Zeiten im Tourismus erlebt.

von Andreas Schulte, 21.08.15, 19:50
Doch für den Reisekonzern kam es gestern noch schlimmer. Parallel zur Ausstrahlung des ZDF wurde bekannt, dass die Tui einzelne Mitarbeiter deutlich besser bezahlt. Der Ko-Vorstandschef Peter Long hat im vergangenen Jahr 19 Millionen Euro verdient, wie aus einer Aufstellung der unabhängigen britischen Denkfabrik „High pay centre“ hervorgeht. Mit diesem Einkommen übertrifft der Manager selbst VW-Chef Martin Winterkorn, der in Deutschland einsam die Gehaltstabellen der Dax-Konzerne anführt. Auch bei der Tui gilt das Gehalt von Long „selbst nach angelsächsischen Maßstäben als exorbitante Summe“, zumal der andere Ko-Chef Friedrich Joussen sich mit etwa einem Fünftel des Betrages bescheidet. Long war Chef der Konzerntochter Tui Travel Plc in London, die von dort aus das Veranstaltergeschäft steuerte. Anders als seine Vorstandskollegen in Hannover musste er seine Einkünfte nicht vor einem Aufsichtsrat rechtfertigen, in dem auch Vertreter argwöhnischer Arbeitnehmer sitzen. (Quelle: Hannoversche Allgemeine Zeitung)

von Horst, 24.08.15, 11:24
Ich erinnere gerne an den Ex-TC Chef Manny Fontenla-Novoa. Hat sich damals, als TC nicht nur in den Abgrund schaute, sondern eigentlich schon am Fallen war, eine fette Gehalterhöhung genehmigt. Und Frau Green war jetzt auch nicht das, was der gemeine Verbraucher als nachhaltig beschreiben würde. Rein und wieder raus, viel Geld aus dem Laden gezogen. Das Ziel war die Digitalisierung und dieses "Internet" (bei großen Reiseveranstaltern eine unbekannte, 4. Dimension). Und jetzt? Volles Rohr auf die Reisebüros, neue Concept-Stores, die noch mehr Geld kosten und (noch) nicht bewiesen haben, ob sich diese Gestaltung auch rechnet. Den BC dafür würde ich gerne mal sehen... Und wahrscheinlich macht PF den Job in UK zu den gleichen terms of condition wie Vorgängerin Green = Zahltag! Möchte nicht wissen, wie das Dream-Team SB und GG in Deutschland bezahlt werden...

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