TUI Deutschland

Der Mythos um den heiligen Gral in der Touristik

Fünf Prozent Umsatzrendite – diesen "heiligen Gral", so der Originalton der TUI Deutschland, legt der Marktführer zu den Akten. Woher stammt dieser Wert? Und wie diente er der Konzernpolitik? Ein spannendes Kapitel Touristikgeschichte.

von Klaus Hildebrandt, 14.10.2015, 11:01 Uhr

Hannover 1997. Michael Frenzel, Chef des Stahl-, Rohstoff- und Industriekonzerns Preussag, schickt sich mit seinem Gesellschafter West LB im Rücken an, den wohl radikalsten Konzernumbau der deutschen Wirtschaftsgeschichte anzugehen. Aus dem Konglomerat, das latent zerschlagungsgefährdet ist, soll ein Reiseanbieter entstehen. Die Unternehmensberatung Roland Berger schaut sich in der Touristik um, der Blick fällt vor allem auf Großbritannien. Dort erzielen Veranstalter wie Airtours und Thomson eine Umsatzrendite (vor Steuern, Zinsen, Abschreibungen und Sonderposten) von fünf Prozent und mehr. Ihr Erfolgsmodell: Sie sind vertikal integriert, bilden also vom Veranstalter über den Flug bis zum Reisebüro und zur Incoming-Agentur eine integrierte Wertschöpfungskette, um auf allen Stufen mitzuverdienen.

In Deutschland ist das bis dahin nicht der Fall, Veranstalter und Charter-Carrier sind nicht unter einem Dach. Frenzel will das Geschäftsmodell ändern, aus den gängigen zwei Prozent Rendite des nicht-integrierten Veranstalters sollen fünf werden. Der Rest ist bekannt: Preussag steigt beim TUI-Minderheitsgesellschafter Hapag-Lloyd ein, kauft TUI-Anteile und Reisebüros sowie Veranstalter in ganz Europa hinzu. Hotelbeteiligungen wie Riu und Robinson bringt die TUI schon mit. Auf der anderen Seite fusionieren Neckermann und Condor ebenfalls zu einem vertikalen Konzern, der heutigen Thomas Cook Group.

Dann kommt der Einbruch nach dem 11. September 2001 – und das Renditeziel von fünf Prozent rückt in weite Ferne. Doch es bleibt immer aktuell, bei Frenzel und bei Peter Long, früher Chef der Touristiktochter TUI Travel und heute Co-Vorstandsvorsitzender der wiedervereinten TUI Group. Lange Jahre wird den Managern der TUI Deutschland vorgehalten, dass ihre Konzernschwestern in England fünf Prozent Rendite schaffen (vor den üppig bemessenen Sonderposten), in Skandinavien sind es mit dem vollintegrierten Modell sogar sieben bis acht Prozent. Auch Thomas Cook strebt die fünf Prozent an, die der frühere CEO Manny Fontenla-Novoa schon damals gegenüber der fvw als "Holy Grail" der Touristik bezeichnete.

Doch nun ist es, zumindest bei der TUI Deutschland, mit dem fünf-Prozent-Ziel vorbei, wie die fvw in ihrer jüngsten Ausgabe exklusv berichtet und damit auch umfangreich in der Wirtschaftspresse zitiert wurde. Die klare Ausrichtung auf dieses Renditeziel und die Ausdünnung des Angebots habe dem Wachstum und dem Marktanteil des Veranstalters nicht gut getan, meint der neue Deutschland-Chef Sebastian Ebel. Sein Programm lautet XQ 200-50-25. Die 200 stehen dabei für den angepeilten operativen Gewinn in Millionen. Das ist zwar viel mehr als derzeit – aber das Ergebnisziel wird nicht umweht von den Mythen des heiligen Grals. Den zu finden, war ja schon in der Artussage ein schwieriges Unterfangen.

Kommentare

von Walter Krombach, 14.10.15, 14:21
Viel Erfolg, liebe TUI, aber schade, dass mit dem neuen Ziel ein für die TUI winziges, für die Willy Scharnow-Stiftung allerdings bedeutendes Stück Tradition sang- und klanglos eingestellt wurde: Die jahrzehntelange Förderung dieser mehr als 60 Jahre bestehenden Stiftung, die bis heute tausenden von engagierten (auch TUI-)Reiseverkäufern die Möglichkeit zum Kennenlernen der Reisewelt geboten hat und Dank vieler anderer namhafter Partner der Branche weiterhin bietet, ohne auf eine Einladung als Top-Verkäufer zu hoffen. UND: die mit ihrem Namen die Erinnerung an einen der Pioniere der Reisebranche und weitsichtigen TUI-Gründerväter wachhält.

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