Reisevertrieb

Das Ende des Reisebüro-Sterbens

Nach langer Durststrecke wieder mehr Reisebüros, steigende Umsätze - und kaum noch wachsende Veranstalter-Geschäfte bei Online-Reisebüros. Überraschende Erkenntnisse. Zeit, gewohnte Denkmuster abzulegen?

von Klaus Hildebrandt, 04.12.2014, 07:12 Uhr

Erinnern Sie sich noch an das "Waldsterben"? Lange Zeit galt es in der Öffentlichkeit als ausgemacht, dass bald keine Bäume mehr in Deutschland grünen. Ich will die Umweltschädigungen des Waldes nicht verharmlosen, aber wir neigen nun mal gerne zu düsteren Zukunftsvisionen. Genauso sicher wie der Umwelt-Kollaps erschien lange das Aus für das stationäre Reisebüro. Jahr um Jahr vermeldete der Deutsche Reiseverband (DRV) auf seiner Jahrestagung, dass die Zahl der Agenturen per Saldo abnimmt. Aber dieses Jahr die überraschende Kehrtwende: Die Zahl ist sogar um 100 gestiegen.

Gleichzeitig sagte DRV-Präsident Norbert Fiebig, dass die Online-Reisebüros bei der Vermittlung von Veranstalter-Reisen nicht mehr stärker wachsen als ihre stationären Kollegen. Bereits zur Jahresmitte hatte der Technikdienstleister Traveltainment, über deren Internet Booking Engine der Großteil des Online-Reisegeschäfts läuft, nach dem flauen Frühjahr sogar über Buchungsrückgänge berichtet.

Kann das alles angehen? Oder ist das Pfeifen im Walde und nur eine Beruhigungspille für die leidgeprüften Reisebüro-Chefs? So kurios es klingt, die Reisebüros haben in den vergangenen Jahren gerade von der Schrumpfkur ihrer Innung profitiert. Der vermittelte Umsatz der Branche blieb nämlich gleich oder stieg leicht, verteilte sich aber auf immer weniger Reisebüros. Gleichzeitig ist der Veranstaltermarkt, vor allem dank der Kreuzfahrten, stets noch leicht beim Umsatz gewachsen. Und drittens sind gute Reisebüros heute auf allen Wegen unterwegs: Sie steuern gezielt auf provisionsstarke Produkte, halten die Kosten im Griff, locken über Internet und Social Media neue Kunden und bessern teilweise mit Eigenveranstaltungen die Marge auf.

Also alles in Butter? Nein. Denn Fiebigs Analyse klammert die reinen Hotel- und Flugportale aus, die weiter stark wachsen. Dieses Vermittlungsgeschäft ist im Gegensatz zur Veranstalterreise, die immer noch zu fast 80 Prozent im Reisebüro gebucht wird, stark ins Internet abgewandert. Beim Jahresurlaub aber vertrauen die Deutschen auf kompetente Beratung und Service im Reisebüro. Immerhin ist das eine der größten Ausgaben des Jahres, da soll nichts schief gehen. 90 Prozent aller Deutschen informieren sich vor ihrer Reise im Internet, aber dass dort alles billiger und besser zu kaufen ist, glauben viele inzwischen nicht mehr. Zurücklegen können die Agenturen sich jedoch nicht, und dass ist Ihnen auch bewusst. Aber es tut den leidgeprüften Vertriebsprofis gut, das Wort "Reisebüro-Sterben" erstmal aus dem Wortschatz zu streichen und sich auch mal über die eigene Leistung zu freuen.

Kommentare

von Uwe Frers | Escapio, 04.12.14, 09:47
So sehr ich Herrn Fiebig schätze, die dargestellte Entwicklung (Online stagniert bei Pauschalreise, Anzahl der Reisebüros wächst wieder) kann kein Grund zum Feiern sein. Der letzte Absatz des obigen Blogposts ist der entscheidende: Reine Hotel- und Flugportale wachsen weiterhin signifikant. Und damit sind wir beim Kunden: "Selbstbestimmter Reisende" ist das Schlagwort, der Kunde paketiert selbst, z.B. Low Cost-Carrier plus 5-Sterne-Hotel. Er nutzt Facebook für Inspiration, Holidaycheck für Bewertungen, Trivago für den Preisvergleich des Hotels und entscheidet am Ende selbst, welche Leistung er wo bucht. Und dieser Trend würde mir als Veranstalter-fokussierter Player sehr zu denken geben.

von Horst, 04.12.14, 14:17
Jeder kann reseach data so oder eben anders interpretieren. Wer war denn das zuhörende Publikum? Oder welche Ohren möchte ich "bedienen". Ist doch klar, das disruptive Aufteilung der Pauschalreise bei Traveltainment für einen Rückgang führt. Zudem sind Pauschal-Reiseziele wie Ägypten und Co. raus, das zeichnet sich auf die Gesamtzahl der Pauschalbuchungen sicher auch nicht positiv aus. Hotels und Flüge in Eigenregie zusammenstellen, wer braucht denn noch den dusseligen Bustransfer und einen schlecht-schmeckenden Begrüßungsdrink mit einer Reiseland-Info Veranstaltungen, an der sowieso nur noch add ons verkauft werden sollen? Vielleicht war in der Vergangenheit der Begriff "Reisebürosterben" zu dramatisch gewählt, dass es eine Umkehr von diesem Trend geben soll und die Menschen wieder mehr ins Reisebüro gehen, kann ich so nicht glauben. Richtig ist da sicher: der gleiche Umsatz verteilt sich auf weniger Reisebüros, und das werden zukünftig sicher nicht mehr - sondern eben weniger. Und ein Letztes, dafür hätte ich gerne mal ein valides Bsp: "...locken über Internet und Social Media neue Kunden..." :-)

von Claus Lagershausen, 20.12.14, 19:29
Ob Online-Buchung oder nicht, hängt vor allem an der Kommunikation mit dem Kunden. So wie die Kunden heute (und morgen noch mehr) ganz selbstverständlich kommunizieren, ist in dieser Branche noch nicht angekommen. Ja, langsam entdecken Reisebüros und Reiseveranstalter "Social Media" - meist aber nur, weil man das heute eben so macht. Man hat eine Facebook-Seite oder einen Google+-Account - und dann? Interaktive Blogs zur Reisebegleitung, dabei Kontaktpflege auch mit der Community des Kunden sind immer noch Fremdworte. Egal, ob uns diese Entwicklung gefällt, auch für die klassischen Reisemittler wird es Zeit, in die Richtung zu gehen. Die Kunden sind, wie gesagt, schon unterwegs und suchen sich ihre Medien alleine. Wo die Branche diesbezüglich heute steht, zeigt dieser Artikel. "Meist gelesen" mit 1.320 Views an Nummer 4 dieses Blogs. Zwei Wochen alt und mit (jetzt) 3! Kommentaren "Meist Kommentiert".

von Klaus Hildebrandt, 22.12.14, 17:49
@ Uwe Frers und Horst: Für die aktuelle fvw (Seite 50) habe ich die Zahlen und die DRV-Berechnung nochmal nachrecherchiert. Dabei gibt es einige interessante Erkentnisse. @Claus Lagershausen: In der nächsten fvw (2.1.2015) starten wir eine große Vertriebsserie ("Reisebüro 2020"), in der es genau um den von Ihnen angesprochenen digitalen Wandel geht.

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