Kreuzfahrt

Das schlechte Gewissen bleibt zu Hause

Aida zeigt, umweltfreundliche Kreuzfahrten sind auch für Volumen-Anbieter möglich. Doch interessiert das überhaupt jemanden?

von Nadine Wiesenthal, 27.07.2015, 17:16 Uhr

Die Szene: Eine Pressekonferenz in Hamburg. Kreuzfahrtanbieter Aida stellt den Nachhaltigkeitsbericht 2015 vor. Im Publikum sitzen Journalisten und auch ein Vertreter des Nabu (Naturschutzbundes). Es herrscht Harmonie pur. Ich kann mich noch sehr gut an die selbe Veranstaltung im letzten Jahr erinnern: Da war wenigstens ein bisschen was los. Es kam zu recht hitzigen Auseinandersetzungen zwischen dem selben Vertreter des Nabu und dem Aida-Pressesprecher. Die Kreuzfahrtschiffe (aller Reedereien) wurden auch von einigen Journalisten als Dreckschleudern betitelt. In der Kritik vor allem das Schweröl als Antrieb und die damit verbundenen Emissionen.

Heute sieht das ganz anders aus: Ab 2019 wird es Aida-Kreuzfahrtschiffe geben, die komplett mit Flüssiggas betrieben werden. Die Kreuzfahrt-Gäste können den CO2-Ausstoß ihrer Reisen kompensieren und die Landausflüge sollen nachhaltig werden. Eins fiel mir allerdings bei beiden Veranstaltungen auf: Egal ob die Kreuzfahrt der Umweltverschmutzung bezichtigt oder jetzt alles total grün wird: Interessiert das eigentlich irgendjemanden? Außer den Unternehmen, die um ihr Image fürchten oder den Umweltschutzorganisationen, die für ihre Ziele kämpfen?

Umfragen der fvw in Reisebüros zeigen immer wieder: Wenn der Kunde in den Urlaub fährt, will er ein tolles Preis-Leistungsverhältnis, einen guten Service und schönes Wetter – ein rundum tolles Urlaubserlebnis. Wer im Internet bucht, vergleicht vor allem die Preise, nicht den CO2-Ausstoß. Ob die Reise der Umwelt schadet – werden Reiseverkäufer so gut wie nie gefragt. Der bewusste Konsum, wie er inzwischen immer mehr gelebt wird, zum Beispiel am Kühlregal beim Kauf von Bio-Eiern oder -Fleisch im Supermarkt, scheint die Schwelle des Reisebüros nicht übertreten zu wollen. Das schlechte Gewissen nehmen Urlauber nicht gerne mit auf Reisen. Und ich würde sogar so weit gehen, zu sagen: Das will der Kunde überhaupt nicht so genau wissen. Dann müsste er nämlich am Ende seine hart verdienten freien Tage im Nieselregen auf Balkonien verbringen und den Flug nach Thailand stornieren.

Aber ich bin mir ebenso sicher, dass Kunden Unternehmen schätzen, die ihre soziale Verantwortung ernst nehmen. Sie gehen bei großen Marken sogar selbstverständlich davon aus. Und wie der Vormarsch der Bio-Produkte zeigt, sind sie sogar bereit, den ein oder anderen Euro mehr zu zahlen. Die Voraussetzung: Das Portemonnaie darf nicht zu sehr strapaziert werden und die Qualität darf sich nicht ändern. Aida hat erkannt, dass die Zeit reif ist zu reagieren (nicht nur wegen der immer strengeren Emissionsauflagen) und nimmt inzwischen eine Vorreiterrolle unter den Kreuzfahrtanbietern ein, der die Konkurrenz hoffentlich bald folgen wird. Das ist gut für das Image, aber auch für den Kunden. Und vor allem, das darf man nicht vergessen – für die Umwelt.

Kommentare

von Bernhard Koller, 27.07.15, 17:24
Ist denn die ganze Diskussion über Nachhaltigkeit nicht sowieso nur eine Beruhigung des eigenen Gewissens. Die Menschheit wird jeden Tropfen Öl den wir auf diesen Planeten finden verbrennen. Sobald das Angebot an Öl oder Gas knapp wird, werden die Preise steigen und alternative Energien werden sich rechnen. Somit verschieben wir durch Sparen von Energie lediglich den Zeitpunkt für alternative Energien.

von Siegfried Manzel, 27.07.15, 17:55
Zum Glück gab es vor Jahren die Entscheidung, die Nord-und Ostsee (neben vielen anderen) zu Gebieten zu erklären, in denen verschärfte Umweltauflagen gelten. Bei diesen Auflagen (besonders beim Ruß und SOx/NOx) haben alle aktuellen Kreuzfahrtschiffe große Anstrengungen zu unternehmen, diese Fahrtgebiete überhaupt befahren zu dürfen. Deshalb - und nur deshalb - wird nachgerüstet mit Scrubbern, dual-fuel engines usw. Themen wie "Sustainable food" (woher kommen die an Bord verzehrten Lebensmittel?), soziale Standards für die internationalen Mitarbeiter etcetc stehen auch auf der Tagesordnung. Es ist lobenswert, dass der englische Tourismusverband ABTA in Zusammenarbeit mit Travelife und den wichtigsten Reedereien gegenwärtig eine Zertifizierung für Kreuzfahrtschiffe vorbereitet. Dann kann man erkennen, wo Lippenbekenntnisse vorherschen und wo Nachhaltigkeit gelebt wird.

von Werner Lukaszewicz, 28.07.15, 09:24
Ich denke auch, dass bislang - speziell bei der Kreuzfahrt - der Nachhaltigkeitsaspekt eher ein Werbeinstrument war, um die Gemüter zu beruhigen und hoffe, dass sich hier endlich wirklich etwas tut. Ob allerdings die ganz großen Schiffe ebenfalls mit Flüssiggas betrieben werden können und wann das umgesetzt werden wird, steht wohl in den Sternen. Ich denke, dass speziell der Massentourismus nun mal leider nicht unbedingt zur Nachhaltigkeit beiträgt (All Inclusive etc.) und hier fragt auch der Kunde nicht wirklich danach. Und das können wir bei allem Engagement am Counter auch nicht rüber bringen.

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