Interview zur Sexismus-Debatte

Haben in der Touristik alle die gleiche Chance, Frau Aust?

Im Filmgeschäft und in der Politik werden zahlreiche Fälle von sexistischem Machtmissbrauch bekannt – und befeuern damit die alte Mann-Frau-Debatte um Gleichberechtigung im Job. Wie sieht es damit in der Touristik aus? TVG-Chefin Birgit Aust schildert ihre Branchen-Erfahrungen.

von Julia Krause, 17.11.2017, 15:59 Uhr
Birgit Aust begann ihre Karriere 1983 als Reiseverkehrskauffrau und leitet heute die Vertriebsgesellschaft TVG, in der ungefähr 300 Reisebüros organisiert sind.
Foto: TVG

Jede zweite EU-Bürgerin ist schon einmal sexuell belästigt worden. Jede dritte davon im Job. Das belegen Zahlen der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte. Doch Sexismus beginnt oft schon früher. Etwa dann, wenn Frauen im Berufsleben weniger Kompetenz als Männern zugetraut wird. Wir haben TVG-Chefin Birgit Aust nach ihren Erfahrungen gefragt.

Frau Aust, Sie haben in der Touristik Karriere gemacht, leiten heute die Vertriebsorganisation TVG. Würden Sie sagen, dass in dieser Branche Chancengleichheit herrscht?

„Da kann ich nur für mich und auf Basis meiner persönlichen Erfahrungen sprechen. Ich hatte innerhalb meines Berufslebens in den entscheidenden Situationen stets nur mit Menschen zu tun, Männern wie Frauen, die mich stark gefördert und unterstützt haben. Ich bin der Überzeugung, dass jeder kraft seiner Persönlichkeit und seiner individuellen Motivation Chancen auf Erfolg hat, gänzlich unabhängig von Geschlechtern.“

Der Frauenanteil in der Touristik überwiegt. In den Chefetagen sind Frauen wie Sie aber eher die Ausnahme. Das fängt im Reisebüro an und hört bei Konzernen auf. Sind Sie einfach tougher als andere?

„Erfolg basiert meiner Auffassung nach zuallererst nicht auf Toughness, sondern auf Leidenschaft. Wer an einem Projekt oder in seinem Beruf aus tiefster Überzeugung und mit vollem Einsatz arbeitet, erreicht zumeist auch, was er sich vornimmt. Solange man sich diese Grundmotivation bewahrt, stehen alle Zeichen auf Erfolg.“

Sexismus beginnt nicht bei anzüglichen Bemerkungen, sondern wenn Frauen trotz gleicher Qualifikation weniger Kompetenz zugetraut wird. Hatten Sie jemals das Gefühl, dass ein männlicher Kollege sein Geschlecht ausnutzt, um Sie auszubooten? Und wenn ja, wie haben Sie sich dagegen gewehrt?

„Natürlich begegnet man auf der Karriereleiter nicht nur Gutmenschen, das darf man dann nicht an sich heranlassen – ich habe es zumindest nicht getan und bin damit gut gefahren. Konkurrenzkampf in einem freien Arbeitsmarkt ist normal und prinzipiell geschlechtsneutral. Männer und Frauen nutzen tendenziell vielleicht unterschiedliche Verhaltensweisen oder vertrauen auf andere Umgangsformen, die jeweils zum Ziel führen sollen. Das hat für beide Seiten Vor- und Nachteile. Dass es aber unterschiedliche Wege zum Erfolg gibt, ist auch gut so – schließlich sind Vielfalt und Individualität hohe Werte in unserer Gesellschaft.“

Politikerinnen wie Andrea Nahles führen an, dass Frauen im Gegensatz zu Männern weniger gut netzwerken und „Kartelle“ bilden. Stehen sich Frauen dadurch manchmal selbst im Weg, wenn es darum geht, Karrierechancen umzusetzen?

„Ich kann mich hierzu nur aus meiner Perspektive äußern: Ich stimme zu, dass Frauen in meiner Position weniger „Kartelle“ bilden – da gäbe es aber in unserer Branche auch nicht genügend Damen auf der Ebene. Generell denke ich, ist das Thema Netzwerken und die Nutzung dieses Netzwerks für die Karriere eine Typ-, keine Geschlechterfrage.“

Das komplette Interview mit Birgit Aust, inklusive vieler aktueller Statistiken zum Thema Chancengleichheit der Geschlechter, ist in TravelTalk 45/2017 erschienen.

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