Unister-Vorwürfe

So funktioniert das Runterbuchen

Die Staatsanwälte sprechen von „Computer-Betrug“. Tatsächlich ist das nachträgliche Ändern einer Flugbuchung gelebtes Handwerk der Reisebüros. Was ist legal? Und was ist strafbar?

von Dirk Rogl, 11.12.2013, 18:35 Uhr
Knochenarbeit: Das effiziente Ausstellen von Online-Tickets erfordert manuelle Hilfe.
Foto: Thinkstock

Die Staatsanwaltschaft Dresden hat Unister mit massiven neuen Vorwürfen konfrontiert. Konkret geht es um das „manuelle Runterbuchen von Tarifen ohne die Weitergabe des neuen Preises an den Kunden“, so die Behörde. Wichtig zu wissen: Die Praxis des „Runterbuchens“ ist durchaus gängig. Und sie kann durchaus im Sinne des Kunden sein, wenn dieser denn von nachträglichen Preisänderungen profitiert.

„Das Optimieren einer Buchung im Sinne des Kunden ist eine viel geübte Praxis der Reisebüros“, sagt Rainer Klee, Geschäftsführer des Consolidator Aerticket, der über Aeruni, ein Gemeinschaftsunternehmen von Aerticket und Unister, auch an der Aussstellung von Flugtickets von Unister beteiligt ist. Zum Einzelfall äußert sich Klee nicht.

Es wird aber deutlich, dass die durch den Fortfall des Handelsvertreterstatus fehlende Flugpreisbindung den preislichen Gestaltungsfreiraum der Reisebüros erhöht hat. Viele deutsche Reisebüros bevorzugen das Agentur-Inkasso. Sie rechnen die Nettopreise der Airlines und ihre Aufschläge mit dem Kunden ab und rechnen die Forderungen der Carrier dann über das BSP-Abrechnungsssystem des Luftfahrtverbandes Iata ab. Damit arbeiten sie ähnlich wie viele Händler in anderen Branchen. Dabei muss der rechtliche Rahmen genau überprüft werden.

- Völlig legal scheint das nachträgliche Umbuchen eines Flugtickets im Rahmen der von den Airlines gesetzten Ausstellungsfristen. Die Zeit zwischen dem Erstellen einer Buchung und ihrem Abschluss im GDS kann je nach Tarifklasse mehrere Tage dauern. In vielen Fällen beträgt sie 24 Stunden. Allerdings gehen immer mehr Airlines dazu über, die Fristen deutlich zu verkürzen. In diesem Zeitraum ist es aber sehr wohl üblich, Buchungen noch einmal anzufassen und über neue Buchungsklassen oder auch Stornos und Neubuchungen Preisvorteile zu erzielen.

- Streitbar ist, ob der preisliche Vorteil einer Buchungsänderung im vollen Umfang an den Kunden weitergegeben werden muss. Nach fvw-Informationen ist dies durchaus übliche Praxis in vielen Reisebüros, so es denn möglich ist. Insbesondere bei den viel gebuchten öffentlichen Tarifen (Published Fares) der Carrier greifen zunehmend kurze Ausstellungsfristen. Wichtig zu wissen: Der Redaktion sind bislang keine Gesetze oder auch Geschäftsbedindungen und Resolutionen des Luftfahrtverbandes Iata bekannt, die zwingend eine Weitergabe der Ersparnis an den Kunden nötig machen. Ob dies gesetzlich vorgeschrieben ist, müssen Juristen klären.

Zudem greifen technische Restriktionen. Bei den im Internet sehr verbreiteten Kreditkartenzahlungen wird der Nettopreis häufig direkt über das BSP-Abrechnungssytem der Iata abgeführt. Das Service-Engelt und etwaige Aufschläge werden von den Agenten separat in Rechnung gestellt. Allerdings steht es Iata-Agenten frei, selbst das Inkasso durchzuführen und mit dem BSP abzurechnen. Für das Kreditkarten-Disagio müssen sie dann jedoch im vollen Umfang selbst aufkommen.

- Unstrittig ist, dass der Verkauf von Tour-Operator-Raten im Einzelplatzgeschäft untersagt ist. Das schreiben Lufthansa und andere Carrier ihren Agenten vor. Im Mißbrauchsfall drohen harte Sanktionen. Eine Ausstellung dieser Tickets ist zudem nur manuell und nicht direkt online durchbar möglich. Sollte dies geschehen sein, so könnte Lufthansa Unister mit großer Sicherheit haftbar machen. Ob es den Straftatbestand des Betrugs erfüllt, müssen ebenfalls Juristen klären.

Zudem haben nach Auskunft von Lufthansa über die Buchungssysteme nur jene Agenturen Zugriff auf diese TO-Fares, die als Veranstalter eine individuelle Vereinbarung mit Lufthansa getroffen haben. „Das war im Falle von Unister nicht der Fall“, betont Lufthansa. Allerdings dürfte die Unister-Tochter Urlaubstours, ein virtueller Veranstalter, Zugriff auf diese Tarife gehabt haben. Der Weiterverkauf wäre dann aber nur im Paket mit einer weiteren Hauptleistung (z. B. Hotel, Mietwagen) erlaubt gewesen

- Strafbar wäre es hingegen möglicherweise, wenn Unister Kundengelder eingezogen hätte, ohne zuvor eine Buchung getätigt zu haben. So könnte sich der Mittler längerfristig Zugriff auf günstigere Ticketoptionen sichern. Dieser Vorwurf wird von den Staatsanwälten bislang aber nicht erhoben. Publik gemacht worden ist so ein Fall letztmalig im Jahr 2010 bei der späteren Insolvenz des Reisebüros Ticketpoints, das sich mutmaßlich über so eingezogene Kundengelder seine Liquidität gesichert hatte, bis letztendlich doch das Kapital für eine verspätete Ausstellung der Tickets fehlte. Zahlreichende Reisende blieben sitzen. Der Skandal hatte eine deutlich Verschärfung der BSP-Regularien für deutsche Reisebüros zur Folge gehabt, die einen derartigen Mißbrauch in Zukunft ausschließen soll.

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