HRS

Gestern noch hip(p), heute schon away

Deals, Gutscheine, Glückspreise, Rabatte, Kurzfrist-Schnäppchen: Billig-Portale für Hotels schießen derzeit wie Pilze aus dem Boden. Doch die Haltbarkeit von Pilzen ist beschränkt. Hipaway zersetzt sich gerade.

von Dirk Rogl, 07.10.2013, 09:14 Uhr

Seit dem Quasi-Wegfall der Ratenparität diskutiert die Hotellerie mit Feuereifer über neue Geschäfts- und Preismodelle. Manches Hotel gründet eigene Hotelportale (Roomkey.com, Reise-10.de), andere versprechen ihre besten Raten jenen, die den Platzhirschen Booking.com und HRS.de den Kampf ansagen, etwa dem Kurzfrist-Anbieter Justbook und seinem amerikanischen Vorbild Hotel-Tonight. Wer seine Auslastung sprunghaft nach oben treiben will, greift zu Schnäppchen-Portalen wie Dailydeal oder Groupon, der just den auf den mobilen Hotelvertrieb spezialisierten Hotel-Tonigh-Klon Blink übernommen hat.

Die Liste lässt sich quasi beliebig verlängern. Sie ist so lang, dass man sich inzwischen ernsthafte Sorgen um den ein oder anderen Anbieter machen muss. Niemand braucht eine Flut von Schnäppchen-Portalen, schon gar nicht die Hotellerie, die ihre günstigsten Preise am effizientesten über eigene Kanäle anbieten könnte, wenn es denn ansatzweise Beachtung bei den Kunden finden würde (was derzeit leider kaum der Fall ist). Wer im Hotelvertrieb sein Geschäftsvertrieb allein auf dem Vertrauen aufbaut, von der Hotellerie dauerhaft die günstigsten Raten anzubieten, der hat ein Problem. Denn seine Offerten greifen im Netz ebenso ins Leere wie die Schnäppchen der Hotels auf eigenen Portalen.

Das hat nun offenbar das Berliner Start-Up Hipaway zu spüren bekommen. Der Betrieb ist eingestellt, zumindest vorläufig, vermutlich dauerhaft. "Leider ist es uns zur Zeit nicht möglich den Service weiter anzubieten", heißt es knapp auf der Homepage". Hipaway hatte, wie manch anderer Neuling im Hotelgeschäft, auf das Prinzip der Glückshotels gesetzt. Das Portal versprach exklusive Raten, nannte dem Kunden aber nicht den Namen des Hotels. Diese Quasi-Anonymität sollte es Hotelpartnern ermöglichen, exklusive Raten auszuloben, ohne damit gleich etablierte Vertriebspartner vor den Kopf zu stoßen.

Als wir im Sommer mal nachgefragt hatten, wollte Hipaway immerhin 4500 Hotels in 26 Ländern im Angebot haben. Aber waren die ausgelobten Preise tatsächlich stets oder zumindest mehrheitlich exklusiv? Niemand konnte es überprüfen, denn die Vergleichbarkeit mit anderen Portalen war ja bewusst ausgeblendet. Offen gestanden, danach hatten wir das Start-Up auch wieder aus den Augen verloren. Es hatte schlichtweg nicht mehr unsere Aufmerksamkeit erregt. Und so dürfte es auch vielen Kunden gegangen sein. Auch wenn das Geschäftsmodell per se nicht schlecht war. Schließlich war in den späten 90er-Jahren auch Priceline mit einem ähnlichen Modell in den Markt eingestiegen.

Der rasante Aufstieg zum weltgrößten Online-Reisebüro erfolgte allerdings erst, als sich die Amerikaner mit ihrer europäischen Tochter Booking.com von dem Auktionsprinzip verabschiedeten und flächendeckend den besten Preisen hinterher jagten. Das wiederum schafft kein kleines Start-Up, sondern nur ein globaler Konzern mit hunderten, inzwischen vermutlich sogar tausenden Hoteleinkäufern und einem irrwitzigen Online-Marketing-Budget. Und das ist das Problem für viele kreative Ideen im Hotelvertrieb. Die Macht der Marktführer im Web ist ganz schön erdrückend, auch ohne vertraglich fixierte Preisparität wie in früheren Jahren.

Update 7. Oktober 2013, 12:25 Uhr: Gerade ist der Abgesang auf die Glückhotels geschrieben, da überrascht HRS mit der Meldung, unter dem neuen Label Surprice-Hotels.com just dieses Geschäft fortzuführen. Der Marktführer dürfte deutlich bessere Karten haben, schon allein deshalb, weil die Hotelpartner die Buchungsoption für das Schnäppchen-Portal über das ohnehin genutzte HRS-Extranet ganz simpel dazu buchen können. Alle Details zu Surprice-Hotels gibt es auf fvw.de. Der Launch sei langfristig geplant. Einen Zusammenhang zum Aus von Hipaway gebe es nicht, heißt es bei HRS auf Nachfrage.

Kommentare

von Uwe Frers | Escapio, 07.10.13, 10:01
Wer sich als Portal im Hotelvertrieb ausschließlich mit Rabatten differenzieren möchte, hat zwei Probleme: 1. Er braucht ständig neue Hotels, die das Spiel mit Rabatten bis zu 70% mit spielen. 2. Er muss sehr schnell sehr große Umsatzvolumina generieren, um die Hotels mit Auslastung bei Laune zu halten. Beide Faktoren erfordern initial ein sieben bis achtstelliges Investment in Vertrieb und Marketing und damit Venture Capital. Die Zeiten, in denen VCs diese Modelle spannend fanden, sind seit dem Disaster von Groupon jedoch Vrgangenheit. Anders sieht es bei der Kombination von Mobile und Rabatt aus. Mobile-Buchungen werden überwiegend von Geschäftsreisenden am Anreisetag gemacht, hier kann ein Hotel letzte freie Kontingente eventuell Deckungsbeitragspositiv vermarkten. Der Kuchen der OTAs ist fest verteilt: HRS mit einem guten Vertrieb im Geschäftsreisesegment und Booking.com sowie Expedia als gelungene Mischung für private und geschäftliche Reisen. Bei dem Versuch, in diesen Markt einzudringen, haben sich auch schon Dickschiffe aus der touristischen Champions League eine blutige Nase geholt. Aus meiner Sicht ist der Zug abgefahren. Chancen bieten sich immer noch in der Nische. Vamos für Familien ist ein schönes Beispiel, wie man sich als Veranstalter im Hotelvertrieb geschickt differenzieren kann, Beauty24 ist im Wellness-Segment ordentlich positioniert. Wer im Hotelvertrieb ein ernst zu nehmender Player werden möchte, braucht eine eigene IBE, profundes Marketing-Know How und einen eigenen Einkauf. Die Player, die das in Deutschland noch vorhalten, lassen sich an zwei Händen abzählen. Insofern sind sportliche Idee von Hoteliers à la Reise-10.de mit hoher Wahrscheinlichkeit zum Scheitern verurteilt.

von Michael Buller, 07.10.13, 10:12
Es zeigt sich wieder mal....."wer nur im Preis fightet, wird im Preis umkommen" (auf Dauer zu wenig Differnzierung!) Evtl. meint ja der Kunde ganz was anderes wenn ER von besten Preis spricht....als was WIR darunter verstehen zu glauben!

von Wolfgang Heidel, 10.10.13, 22:38
Die Idee von reise-10.de ist so einfach, wie auch gut und das finden auch bereits 1049 teilnehmende Hotels jeden Standards und jeden Tag kommen neue hinzu, sogar schon in Österreich und in der Schweiz. Wer das Prinzip versteht, versteht auch die Durchführbarkeit: Die gesparte Provision wird in Form eines 10 % Rabattes an den Gast weitergeben. Dabei kann der Gast entweder quasi im Direktvertrieb beraten werden oder mithilfe des reise-10.de Buchungssystems einfach nur die Buchung vom Hotel entgegen genommen werden. Hier geht es nicht um eine verrückte und kurzlebige Schnäppchenjagd mit irrwitzigen Preisnachlässen, sondern um eine klare, bereits realisierte Alternative zu den bekannten Buchungsportalen, die, wie ganz richtig im Artikel beschrieben, eine erdrückende Macht bekommen haben. Genau weil Branchen Know How und ein eigenes Hotel als Hintergrund vorhanden sind, ist reise-10.de eine praktikable, faire Lösung für den Direktvertrieb. Den Kopf in den Sand stecken und unken kann jeder. Hier ist aber Tatkraft gefragt.

von Jürgen Barthel, 17.10.13, 16:20
"Billiger kann immer jemand anderes besser" sagte mir vor 30 Jahren mein Ausbilder. Leider scheint sich diese kaufmännische Weisheit noch nicht herumgesprochen zu haben. Und so wie damals gehen die entsprechenden "Anbieter" reihenweise ein. Was mich "persönlich frustriert" ist, dass von den gleichen "Managern", die meinen, sich nur über (Personal) Sparen und Billig differenzieren zu können, etablierte Marken (bzw. Logos) in die Tonne getreten werden.

von R. Senkel, 17.12.13, 19:44
die Idee von reise10.de ist der größte Unfug schechthin. Da zahle ich lieber einmal 15-19% Provision und mache mir dann aus dem Gast einen Stammgast, der zukünftig ohne Rabatt zum normalen Preis bucht, als ihm ewig 10% Nachlass zu gewähren. Das wird auf die Dauer wesentlich teurer.

von Hans Steiner, 30.12.13, 17:08
es ist schon erstaunlich, mit welcher Penetranz sich gewisse "Geschäftsideen" immer wieder selbetbeleben und mit welcher Eloquenz und Ignoranz immer derselbe Typus "Manager" den Vertrieb über Rabattverschleuderie als "innovativ" preist. Am Ende steht meistens nach einigen jahren, wenn der neue Umsatz nicht mehr reicht,die alten Vbs zu bezahölen, die Vergesellschaftung der entstandenen Verluste. Ich würde das scjhlichtweg verbieten, denn das hat mit seriösem "Wettbewerb" nichts zutun, sondern zerstört seriös arbeitende und kalkulierende Anbieter, die diesen ökonomischen Irrsinn nicht mtmachen können, ohne selbst pleite zu gehen. Thumbs down für all diese "Schlaumeier"... (aber sie sind ak alle soooo toll, und soooo "erfolgreich"... *kopfschüttel* Wenn ERFOLG absehbarer Ruin ist...

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