HNA und andere Investoren

Chinas Hunger auf den Tourismus

In der deutschen Industrie werden chinesische Käufer mittlerweile fast als feindliche Eroberer gesehen. In der Touristik ist das anders – noch.

01.06.2016, 14:39 Uhr
Klaus Hildebrandt ist Chefredakteur der fvw
Foto: fvw

Volvo, Bang & Olufsen, Pirelli, die Schweizer Firmen Syngenta und Sigg oder der deutsche Maschinenbauer Krauss-Maffei – chinesische Investoren übernehmen vermehrt etablierte Industrieunternehmen in Europa. Nun will der Midea-Konzern den deutschen Roboter-Hersteller Kuka übernehmen. Doch dagegen regt sich nach einem Bericht der „Süddeutschen Zeitung“ Widerstand sogar in der Bundesregierung. Kritiker befürchten, dass Deutschland viel Know-how verloren ginge, wenn die oft vom chinesischen Staat gestützen Konglomerate sich die Perlen der deutschen Industrie und Ingenieurskunst herauspicken.

Auch in der Touristik sind die Chinesen eine Großmacht. Die Mittelklasse reist zunehmend ins Ausland und chinesische Firmen sind fast immer im Spiel, wenn bekannte Namen wie Starwood oder Club Med zum Verkauf stehen. Die HNA Group, der unter anderem Hainan Airlines und viele weitere Fluggesellschaften, Airport-Dienstleister und Hotelketten gehören, verleibte sich allein dieses Jahr schon die Radisson-Mutter Carlson Hotels, die Gate Group, Swissport sowie Anteile an TAP Air Portugal ein und sorgte seit Wochenbeginn mit drei Deals (Einstieg bei Virgin Australia, beim Air-France-Caterer Servair und wahrscheinlich beim Flughafen Hahn) für Aufsehen.

In der Touristik gibt es die Vorbehalte der Industrie bislang nicht. Böswillig könnte man behaupten, hier gäbe es auch nicht so viel Know-how abzusaugen wie bei High-Tech-Firmen. Aber es liegt wohl eher daran, dass die Chinesen sowohl willkommener Investor (wie beim Einstieg von Fosun bei Thomas Cook und Club Med als auch von HNA beim verlustreichen Flughafen Hahn) als auch Türöffner für das Hotel-, Kreuzfahrt- und Veranstaltergeschäft in China sind.

Aus westlicher Sicht sind Chinas Konzerne wenig transparente Gebilde. Oft stecken Tycoone dahinter. Bei HNA ist es Chen Feng. Als dieser 2015 beim Welt-Tourismusgipfel in Madrid auftrat, hatte ich, wie viele anwesende Manager, mein Erweckungserlebnis. Nach mehreren gewohnt locker auftretenden US-amerikanischen Managern stand da ein asketisch wirkender Mann in einem traditionellen chinesischen Outfit auf der Bühne und hielt sehr ernst dreinblickend eine Rede ohne Power-Point-Gewitter. Tenor: China ist ein riesiger Markt im Tourismus – und wir stehen immer noch am Anfang. Die drei HNA-Meldungen von dieser Woche sind also sicher nur eine Zwischenetappe.

Wer die chinesischen Investoren sind und welche Strategien sie im Tourismus verfolgen, lesen Sie in der Titelgeschichte der aktuellen fvw. Darin ist auch ein Interview mit Fosuns Tourismuschef Jim Quian. Der studierte und arbeitete in Deutschland – und spricht, wie der Schweizer Thomas-Cook-Chef Peter Fankhauser selbstironisch sagt, besser deutsch als er selbst. Vielleicht empfiehlt es sich für Tourismus-Studenten, nun chinesisch zu lernen.

0
Folgen Sie uns:
Top
© 2017 FVW Medien GmbH, Alle Rechte vorbehalten
Über uns FAQ Impressum AGB Datenschutz Kontakt Mediadaten