Gründung

Finanzierung ist die Hürde

Im Tourismus trauen sich viele eine Unternehmensgründung nur im Nebenjob zu. Eine Hürde bleibt die Finanzierung.

von Evelyn Sander, 24.11.2015, 11:00 Uhr
Foto: Thinkstock

Es wird wieder viel getrommelt und der Gründergeist beschworen. Zur bundesweiten Gründerwoche zeigen sich Politiker in diesen Tagen gern mit hippen Start-ups aus dem High-Tech-Bereich und feiern die guten Zahlen. Wie bereits 2014 zeigt auch dieses Jahr die Kurve des KfW-Gründungsmonitors nach oben: 2014 gab es 309.000 Gründungen. Vor allem Nebenerwerbsgründer und Freiberufler sorgten für das Plus. Eine Trendwende sei dies allerdings noch nicht, gibt die KfW zu bedenken.

Lässt man Freiberufler und Nebenerwerbsgründer außen vor, wird aus dem Plus ein Minus: Das Institut für Mittelstandsforschung (IfM) Bonn zählt ausschließlich Vollerwerbsgründungen und kommt 2014 auf 309.000 neue Firmen, 2011 waren es 401.000. Im Bereich Tourismus fiel der Rückgang noch drastischer aus. Laut IfM-Statistik wurden im vergangenen Jahr 1080 Vollerwerbsfirmen im Bereich Reisebüro, Veranstalter und Reisedienstleistungen gegründet – im Vergleich zu 2008 ist das ein Rückgang um rund 43 Prozent. Sind Touristiker Gründermuffel? „Ganz im Gegenteil“, hält Experte Gerhard Au dagegen. „Viele testen erst mal im Nebenjob, ob ihre Idee wirklich funktioniert“, beobachtet Au, der für den Deutschen Reiseverband (DRV) mit seiner Firma Touristikfit Gründer berät.

Das Interesse an Gründungen wächst

Er freut sich über einen anhaltenden Schwung in der Gründerszene. Den A stieg von 30 Prozent mehr Beratungen in 2013 konnte er im vergangenen Jahr nicht wiederholen, dennoch stieg die Nachfrage um weitere 15 Prozent. „Das Interesse ist groß“, sagt Au. Die meisten wollen sich als Veranstalter selbstständig machen, stürzen sich auf bestimmte Destinationen, Zielgruppen oder besondere Reisearten.

„Es ist toll, mit welchen Ideen sie kommen“, findet Au. Es gebe noch so viele unentdeckte Nischen, schließlich sei der Markt ständig in Bewegung.

Auch Tom Noga, freiberuflicher ARD-Journalist, ist viel unterwegs. In Kürze wird er seine Firma als zweites Standbein starten. „Ich habe die Idee schon seit Jahren im Hinterkopf und dafür gespart.“ Er will einen Veranstalter für besondere Südamerika-Reisen aufziehen. Im Moment feilt er an der Website und am Reiseprogramm: América Viva soll Anfang 2016 starten. „Ich möchte Rundreisen anbieten, bei denen man die Menschen vor Ort wirklich kennenlernt.“ Begegnungen, die über übliche Folklore hinausgehen. „Ich plane für 2016 sechs bis acht Rundreisen“, erzählt Noga, der den Veranstalter erst mal nebenberuflich aufbauen will.

Dieser „sanfte“ Einstieg in die Selbstständigkeit liegt im Trend. Au: „Viele gründen nebenberuflich, sind durch ihren Job finanziell abgesichert und können so ohne Existenzängste ihre Ideen verwirklichen.“ Ob Voll- oder Teilzeit – wie sich die neue Gründerkultur weiterentwickeln wird, ist offen. Eher ausgebremst wird sie durch die stabile Beschäftigungssituation, Fachkräfte finden schnell einen Job und denken gar nicht über eine Gründung nach. So rechnen die KfW-Experten damit, dass die Gründungstätigkeit schon in diesem Jahr wieder abflaut.

Sparkurs beim Gründungszuschuss

„Vor allem aber fehlt der Rückenwind aus der Politik“, kritisiert Andreas Lutz vom Verband der Gründer und Selbstständigen Deutschland. In Berlin würden eher Risiken der Selbstständigkeit betont, Förderungen gestrichen, und aktuell hat das Arbeitsministerium eher mit drängenden Flüchtlingsproblemen zu tun.

„Besonders hart war der Sparkurs beim Gründungszuschuss“, so Lutz. Der Zuschuss werde zwar in den Arbeitsagenturen wieder großzügiger gewährt, dennoch liegt die Zahl der Geförderten um 76 Prozent unter dem Niveau des Jahres 2011. „Die Arbeitsagenturen haben immer noch viele Fallstricke eingebaut, kleine Fehler führen zur Ablehnung“, weiß der Gründerberater. Wer seinen Wunsch nach Selbstständigkeit zu optimistisch oder als lange geplanten Wunsch vorträgt, wird abgelehnt.

Die meisten Gründer gehen eigene Wege, versuchen ihre Firma ohne Zuschüsse und Bankkredite aufzubauen. Laut KfW-Statistik greifen nur 21 Prozent der Existenzgründer auf externe Finanzmittel zurück, für Vollerwerbsgründer gilt dies jedoch etwa doppelt so oft. Gefragt sind vor allem Mikrofinanzierungen: 2014 brauchten 53 Prozent der betreffenden Gründer bis zu 10.000 Euro, weitere 20 Prozent zwischen 10.000 und 25.000 Euro.

Geld aus dem sozialen Umfeld der Gründer

Wer Kapital braucht, fragt oft erst mal im privaten Umfeld nach einem Darlehen. „Das wäre auch meine erste Wahl“, sagt Berater Lutz. Schließlich bekommt man auf dem Sparbuch derzeit sowieso kaum Zinsen für Guthaben. Und wer Crowdfunding als Geldquelle nutzen will, erhöht seine Chancen, wenn das soziale Umfeld zur Mitfinanzierung bereit ist. Eine Anschubfinanzierung durch Familie und Freunde vermittelt dem Investor Vertrauen in das Crowdfunding-Produkt.

Dagegen stellen sich Banken bei kleinen Krediten schnell quer. Sie fürchten hohe Kosten, weniger Ertrag und fehlende Sicherheiten. So stieg laut KfW-Monitor der Anteil von Gründern mit Finanzierungsschwierigkeiten auf 20 Prozent und hat damit einen Höchstwert erreicht. „Antragsteller müssen sich sehr gut vorbereiten“, weiß Lutz, der in seinem Beraternetzwerk Gruendungszuschuss.de mit einem gründerfreundlichen Finanzinstitut zusammenarbeitet.

Insbesondere jungen Gründern, denen finanzielle Polster fehlen, stehen finanzielle Hürden im Weg. Um dem Nachwuchs den Schritt zum eigenen Büro zu erleichtern, bietet die TVG Touristik Vertriebsgesellschaft jetzt ein Rundum-Sorglos-Paket für junge Touristiker. Mitbringen müssen die Chefs von morgen Persönlichkeit, Lust und Begeisterung am Reiseverkauf.

Aus der Lust, seine Ideen zu verwirklichen, ist bei Itsu Rauwolf-Gez schon eine Firma geworden: Silonum Travel ist seit wenigen Monaten online und bietet ganz individuelle Luxusreisen für jüdische Urlauber nach Deutschland an. Für den jungen Mann, der aus Israel stammt, ist Selbstständigkeit keine Frage: „In meiner Heimat will niemand einen Chef über sich haben“, erzählt er. Er glaubt fest an seine Idee, lebt derzeit von Ersparnissen und weiß: „Man braucht nicht nur Leidenschaft, sondern auch viel Geduld.“

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