Griechenland

All-Inclusive-Debatte auf Griechisch

Hat Griechenlands neuer Regierungschef Alexis Tsipras Recht, wenn er All-Inclusive-Angebote eindämmen will? Oder belebt er nur eine alte Debatte neu, die auch in Griechenland längst zu den Akten gelegt werden müsste?

von Klaus Hildebrandt, 29.01.2015, 13:39 Uhr

Ich erinnere mich an unzählige fvw-Workshops in den verschiedensten Destinationen, auf denen deutsche Veranstalter und lokale Vertreter über All-Inclusive (AI) stritten. Die Argumente waren stets ähnlich: Der Kunde – vor allem Familien – wolle nunmal eine Budgetsicherheit und reise sonst woanders hin, so die eine Seite. Die All-inclusive-Angebote schädigten die örtliche Gastronomie und degenerierten ganze Urlaubsregionen zu reinen Hotelzonen, so die andere Seite.

Nun hat Tsipras seine Bedenken gegen den Massentourismus im Allgemeinen und AI im besonderen zum Besten gegeben. Seine neue Tourismuschefin in der Regierung hat zwar einen britischen Bericht, der gewohnt martialisch von einem "Krieg" gegen Urlauber sprach, gleich relativiert. Es gehe nicht um die Abschaffung, sondern um die Qualitätssteigerung und die Einbindung der regionalen Wirtschaft. Fakt ist aber, dass es gerade in Griechenland viele Vorbehalte gibt. Auf Mallorca und auf den Kanaren ist der Mix von Hotels mit und ohne AI kaum noch ein Thema, in bestimmten Regionen der Türkei, Ägyptens, Tunesiens und der Karibik gibt es mangels örtlicher Gastronomie ohnehin keine Alternative.

Die Debatte ist oft eine rein emotionale. Der griechische Tourismusverband Sete hat errechnet, dass im Sommer 2014 nur 210 Hotels, deren Betten 13,6 Prozent der Gesamtkapazität des Landes stellen, AI boten. Sicher ist die Aussagekraft dieses Durchschnittswertes begrenzt, für viele kleine Hotels auf den Inseln und in den Städten kommt diese Verpflegungsform gar nicht in Frage. In einigen Hotelzonen in Hochburgen wie Kreta, Rhodos und Kos sieht das schon ganz anders aus.

Als Familienvater habe ich selbst schon AI-Urlaub gemacht, ebenso aber auch griechische Inseln besucht, deren Charme gerade in den vielen kleinen Tavernen besteht. Für beides gibt es einen Markt und "den Kunden" sowieso nicht. AI ist auch nicht nur billig: Nach Angaben des Verbands Sete liegen die Ausgaben von AI-Urlaubern pro Tag auf dem Niveau wie die von Gästen, die nur Frühstück oder Halbpension buchen. Es gibt Untersuchungen, unter anderem von der TUI, die zeigen, dass es nicht stimme, dass AI-Gäste die Anlagen nicht verlassen und kein Geld in der Region ausgeben. Und wer einmal in einer typischen Touristenfalle gelandet ist, der weiß, dass örtliche Wirte auch nicht nur Gutes auf den Teller zaubern.

Es gibt bei All-Inclusive viele Vorurteile, die auch Tsipras gerne bedient. Dabei ist die Debatte im Tourismus längst weiter vorangeschritten, viele Hoteliers bieten eine Wahlmöglichkeit der unterschiedlichsten Verpflegungsformen an und haben selbst kein Interesse an einer Monokultur. Doch mit Tourismus ist es wie mit Fußball: Da kann jeder mitreden. Sogar ein neuer Ministerpräsident, der sich auch in weit wichtigeren Themen gerade mit Europa anlegt.

Kommentare

von Andreas Schulte, 29.01.15, 14:42
Typisch deutsch - denkt oder redet jemand nicht "Mainstream", bekommt er von den Medien und auch offensichtlich überforderten Politikern - man denke an die respektlose und flegelhafte Äußerung eines Martin Schulz - sofort Prügel.

von Sascha Nitsche, 29.01.15, 15:32
Die Frage ist, wenn AI eingedämmt wird - beflügelt das die umliegenden Tavernen? Wenn, dann müsste konsequent auf "nur FR" umgestellt werden (Unsinn). Ich befürchte, potentielle und Kostenbewusste Gäste - insbesondere Familien - würden auf Alternativländer wie Spanien, Türkei etc. umschwenken - dadurch würde Griechenland Gäste verlieren und die Tavernen wären trotzdem leer. Aber ein Besuch in einer typischen Taverne ist ein Muss für jeden Urlauber - auch bei AI -:)

von Heinrich S., 29.01.15, 16:00
Alexis Tsipras wird mir immer sympatischer. Ich sage schon seit über 10 Jahren, dass man diesen Blödsinn wieder abschaffen sollte. Bis auf wenige Ausnahmen gibt es ohnehin keine wirklich hochwertigen AI-Anlagen.

von Eckart Bucher, 06.02.15, 10:35
bei einem Wareneinsatz von 6-7 € pro Tag und Person im 4 Sterne AI kann man sich vorstellen, welche Büffetqualität man erhält. Auch der oft exzessive Alkoholkonsum (weil's ja nichts kostet) und das in sog. "Familienhotels" trägt nicht gerade zur Qualitätssteigerung bei. Richtig macht das der Club Med: hochwertiges Essen vom Büffet mit vielen cooking stations inklusive Tischgetränke - aber die Bar zahlt jeder extra!

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