Google Maps

Kein ITA für das Hotelgeschäft

Google braucht keine zentrale Tarifdatenbank für sein Hotelgeschäft. Während ITA den Flugmarkt aufmischen soll, stehen die Hoteliers auch ohne technologisches Dach Schlange und buhlen um eine Direktanbindung. Trust International zeigt, wie es geht.

von Dirk Rogl, 09.02.2011, 16:10 Uhr

Mit dieser Prognose hatten wir uns im vergangenen Sommer ziemlich weit aus dem Fenster gelehnt: Google braucht für die Expansion seines Hotelgeschäfts keine zentrale Tarifdatenbank wie ITA Software. Anders als im Fluggeschäft reicht der Nachfragedruck. Die Hotels werden aus eigenen Stücken darum buhlen, ihre Preise in Google Maps listen zu dürfen.

Jetzt bestätigt sich diese Prognose. Nach Priceline, Expedia und neuerdings auch HRS hat mit Trust International erstmalig eines der globalen Hotel-CRS eine Schnittstelle zu Google Places geschaffen. Bis zu 6000 Hotels will CEO Richard Wiegmann direkt an Google anbinden, und zwar nach allen Regeln der Kunst: in Realtime zu den jeweils verfügbaren Best Available Rates (BAR). In Sekundenschnelle wird Googles Suchtechnologie Zugriff auf die vakanzgeprüften Angebote aus Frankfurt haben. Und für alle, die es überlesen haben: Seit dem Management-Buy-Out von Cendant/Travelport im Jahr 2008 ist die ehemalige Steigenberger-Tochter wieder ein deutsches Unternehmen.

All das ist bemerkenswert, nicht allein weil das Frankfurter Unternehmen seine deutlich größeren Mitbewerber Pegasus und Sabre mal eben locker von links überholt hat. Es zeigt auch, wo die Reise hingeht. Trust geht offenbar davor aus, dass das in Zukunft sicherlich enorme Abfragevolumen von Google die Server des hauseigenen Reservierungssystems nicht zum Erliegen bringt. Das ist beachtlich. Zentrale Tarifdatenbanken wie etwa ITA Software im (nordamerikanischen) Fluggeschäft oder Traveltainment-Bistro im (ur-deutschen) Pauschalreise-Geschäft verlieren technisch betrachtet an Bedeutung. Im Airline-Vertrieb haben sie ihre Berechtigung, weil die Carrier ihre Tarifdaten bislang nicht frei Haus an Internet-Portale liefern. Doch auch das wird sich ändern.

Ergo: Google benötigt ITA Software so lange, wie die Fluggesellschaften ihre besten Angebote nicht frei Haus und gratis an externe Portale liefern. Ein hohes Abfragevolumen aus dem Internet auf hauseigene Inventory-Systeme stellt zwar hohe Ansprüche an die Hardware. Doch der technische Fortschritt ist enorm.

Und nebenbei bemerkt: Google zeigt mit seinem jüngsten Ausbau von Google Maps erneut, dass das Händlergeschäft für den Web-Giganten überhaupt keinen Sinn macht. Auch darüber haben wir an dieser Stelle bereits diskutiert.

Kommentare

von Andreas Schuerrle, 10.02.11, 10:53
So ist es. Und schaut man sich Angebote wie Bookassist.de an, wird Deine These noch einmal unterstrichen. Diese neue Google-Welt bietet Hotels große Chancen, aber konfrontiert sie natürlich auch mit neuen Herausforderungen, wie SEO und internetgerechtes Marketing und Branding. Letzten Endes muss jedes Hotel, jede Hotelkette analysieren, ob das komplette Onlinevertriebs-Outsourcing (also Verkauf und Marketing durch Hotelreservierungsportale mit bis zu 20% Provision) für sie wirtschaftlich interessanter ist, oder der Online-Direkt-Vertrieb via Google /Google Maps/Streetview – oder eine Mischform.

von Markus Luthe, 10.02.11, 16:36
Auch ich gratuliere Trust International zu der erfolgreichen „Eisbrecherfunktion“! Es kann nur im Interesse der Hotellerie sein, wenn Suchmaschinen nicht nur die OTA-Ergebnisse, sondern auch Hotelhomepages und hoteleigene CRS-Angebote einbeziehen. Wir Hotelverbände in Europa hatten dies zuletzt auch mit HOTREC’s „20 Benchmarks of Fair Practices for OTAs“ thematisiert. Dieser Distributionsschritt von Google ist also konsequent und im gemeinsamen Interesse von Nutzern und Hotels: http://tinyurl.com/5ssrzcz Wäre da noch die Frage nach dem Preis für die Preisangabe: Laut fvw wird Google für diese direkte Weiterleitung von Nutzern auf das Hotelangebot eine erfolgsunabhängige Gebühr (PPC) von 0,2% des angezeigten Buchungswertes verlangen. Im klassischen Suchmaschinenmarketing sind Konversionsraten von 1% durchaus üblich, so dass sich hieraus eine reale Buchungskommission von round about 20 Prozent ergäbe... So wird es am Ende auch hier darauf ankommen, dass die segensreichen Kräfte des Wettbewerbs zur Entfaltung gelangen können.

von barthel.eu, 16.02.11, 11:29
Es ist doch erstaunlich. Wir sind im Jahr 17 n.W. (nach Web) und sehen Experimente. Wenn der Druck in der Hotelerie so gross ist, wird das sehr bald auf Airlines, Veranstalter und Reisebüros übergreifen. Die eine Kernfrage ist technologisch: Packen die Server diesen Ansturm und bleibt dabei genug "hängen" um die Investitionen in die Server und Leitungen zu rechtfertigen? Früher nannten wir das "Look-to-Book-Ratio". Auch wenn die Kosten fallen, am Ende sollte eine schwarze Zahl da stehen... Die zweite Kernfrage ist strategisch: Kann ich der (wohl) unvermeidlichen Entwicklung zusehen, oder bin ich "First Mover" und versuche das Beste daraus zu machen? Sind individuelle Blogs noch zeitgemäß (ich rede hier nicht von FVW)? Oder wurden die entsprechenden Möglichkeiten (die es "vor Blog" nicht gab!) nicht bereits von den Anbietern Sozialer Netzwerke integriert? Wo ist eigentlich Second Life abgeblieben? Individuelle Webseite oder Social-Networking-Profil? Twitter, Blog, Facebook, Xing? Es ist alles in der Entwicklung, im Flux. Ja, ich bin dankbar für den "roten Faden", den die FVW liefert. Nicht mehr nur gedruckt, sondern auch in vielen anderen Kanälen... Es wäre sicher mal interessant, einen Artikel zu lesen, wie die FVW-Macher die Entwicklung sehen. Wie kann, wo soll man seine Zeit (=Geld) investieren? Wie kann man die Informationsflut kanalisieren? Was ist "Auslaufmodell", was sollte man sich unbedingt ansehen? Pandora's Box ist offen. Es passiert viel unter dem Prinzip Hoffnung. Und es bleibt spannend...

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