fvw Blog zur Unister-Trauerfeier

Die Tragik des Thomas Wagner

Neben hunderten Mitarbeitern zeigten Gäste aus der Reisebranche ihre Anteilnahme. Die Trauerfeier in Leipzig ehrt Thomas Wagner und Oliver Schllling – wirft aber auch ein Schlaglicht auf die ungewisse Zukunft von Unister.

02.09.2016, 07:35 Uhr
fvw-Chefredakteur Klaus Hildebrandt
Foto: fvw

Es war eine würdevolle Trauerfeier, die Unister für die verstorbenen Gesellschafter Thomas Wagner (38) und Oliver Schilling (39) in der Kongresshalle Leipzig ausrichtete. Neben hunderten Mitarbeitern zeigten Gäste aus der Reisebranche ihre Anteilnahme, etwa von Thomas Cook, FTI, Aerticket, Google, Allianz Global Assistance, LMX, Ferien Touristik und vom DRV.

Der frühere Touristikchef Ralph Michaelsen, der Portal-Verantwortliche und langjährige Weggefährte Stephan Wiese und Kommunikationschef Dirk Rogl würdigten die Verstorbenen. Sie zeichneten das Bild eines genialen Internetpioniers Thomas Wagner, der mit einem ungeheuren Arbeitspensum, Mut und Beharrlichkeit aus einer Studentenbude ein großes Unternehmen formte. Oliver Schilling war dagegen der Partner, der bewusst im Hintergrund blieb, eine Koryphäe des Online-Marketings, im ganzen Unternehmen sehr beliebt.

Aber es waren auch, bei aller gebotenen Pietät, Zwischentöne zu vernehmen. Thomas Wagner war eben „ein Revoluzzer der Touristik“ (Michaelsen), der „immer 100 Prozent gab“. Wagner ging bis an die Grenzen und teilweise darüber hinaus – ob alle früheren Marketing-Methoden legal waren, wird das Landgericht bald entscheiden. „Manche Entscheidungen, die die Mitarbeiter nicht verstanden haben, werden erst im Nachhinein plausibler“, sagte Wiese.

Die Tränen der Mitarbeiter auf der Trauerfeier und die Betroffenheit langjähriger Geschäftspartner zeigen, dass Wagner als Mensch geschätzt wurde: gerade heraus, frei von allen Eitelkeiten und bewundert für seinen Gründergeist. Ich kannte ihn viele Jahre, von Interviews oder informellen Gesprächen auf Veranstaltungen. Es war immer anregend, mit ihm zu reden. Es wurde deutlich, wie ihn die, wie er es empfand, öffentliche Vorverurteilung durch die Staatsanwaltschaft belastete. Ich kenne auch kaum jemand, über den in der Branche so viel geredet wird, den aber so wenige persönlich kannten.

Die Trauerfeier offenbarte die ganze Tragik: Da sterben zwei noch junge Menschen auf dem Rückweg von einer Reise nach Venedig, zu der sie nur pure finanzielle Verzweiflung getrieben haben kann. Wagner hat im operativen Geschäft nie richtig loslassen könne, es fehlte ihm offenbar ein starker Finanzchef als Korrektiv und er hat vor einem Jahr den Zeitpunkt für einen Verkauf zu annehmbaren Konditionen verpasst. Dann wäre Unister heute nicht insolvent – und Wagner und Schilling noch am Leben.

So aber war bei der Kaffeetafel in der Kongresshalle die Unsicherheit über die Zukunft des Unternehmens spürbar. Das von der Arbeitsagentur getragene Insolvenzgeld für die Mitarbeiter läuft Ende des Monats aus, die Zeit für die Käufersuche drängt. Es ist wohl kein Zufall, dass Insolvenz-Verwalter Lucas Flöther gleich nach dem Ende der Trauerfeier erklärte, die Ertragslage sei „stabil“ und man sei „nach der aktuellen Liquiditätsplanung in der Lage, auch über den Insolvenzgeld-Zeitraum hinaus die Gruppe unter Vollkosten fortzuführen.“ Der Umsatz ist zwar eingebrochen, aber dafür spart Unister derzeit die Gehaltskosten und muss sich Buchungen nicht über hohe Marketing-Ausgaben erkaufen.

Die Trauerfeier war neben dem Abschiednehmen das Zeichen, dass jetzt ein Abschnitt der Unister-Geschichte zu Ende geht. Der nächste ist noch offen.

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