fvw Blog zur Türkei

Jeder warnt vor jedem

Der Türkei-Konflikt spitzt sich immer weiter zu. Sollte Deutschland offiziell vor Reisen in das Land warnen? Eine touristische Sicht auf die aktuelle Debatte.

von Klaus Hildebrandt, 12.09.2017, 16:59 Uhr
Klaus Hildebrandt ist Chefredakteur der fvw
Foto: fvw

Bitte üben Sie „Vorsicht“ bei Ihrem Aufenthalt, lassen Sie sich „nicht auf politische Debatten ein“ und halten Sie sich „von Wahlkampfveranstaltungen politischer Parteien“ sowie von Kundgebungen oder Demonstrationen fern. Nein, die Rede ist nicht von den deutschen Reisehinweisen für die Türkei, sondern von denjenigen der Türkei für den Besuch in Deutschland. Offensichtlich eine Retourkutsche für die mehrmals verschärften Empfehlungen des Auswärtigen Amts, das von „willkürlichen Verhaftungen“ in der Türkei spricht. Gerade wieder wurden zwei Deutsche mit türkischen Wurzeln auf ihrer Urlaubsreise festgenommen.

Man hält es kaum für möglich, aber die deutsch-türkischen Beziehungen verschlechtern sich noch stetig weiter. Die Grünen und die Linken fordern eine Reisewarnung. Kanzlerin Angela Merkel sagte wiederum am Montag im Fernsehen, man müsse auch „die liberalen Kräfte“ im Blick behalten. Schließlich hätte fast die Hälfte der Türken beim Referendum gegen die Pläne von Präsident Erdogan gestimmt. Für die Reisebranche wäre eine offizielle Reisewarnung eine Katastrophe. Urlauber könnten kostenlos umbuchen oder stornieren, die Deutschen in der Türkei müssten zurückgeholt werden.

Im Deutschen Reiseverband (DRV) kommt die alte Debatte um die verschobene Kusadasi-Tagung wieder auf die Tagesordnung. Wenn die politischen Fronten so verhärtet bleiben, dürften sich für die Tagung im Herbst 2018 noch weniger Mitglieder anmelden als 2016. Journalisten meiden das Land ohnehin. An den Argumenten hat sich nichts geändert: Die einen sagen, der DRV hofiere mit einer Tagung zwangsläufig die türkische Regierung. Die anderen argumentieren, solange man Urlauber dorthin bringe, könne und müsse man sogar mit Blick auf die Geschäftspartner Flagge zeigen.

Ich selbst bin ein großer Fan des Türkei-Tourismus, war unzählige Male geschäftlich und privat in dem Land. Noch vor drei Jahren gab es auf der Hotelverbandstagung in Antalya auf offener Bühne sehr kritische Äußerungen über die Regierung. Heute wirkt das wie aus einer anderen Epoche. Hoteliers äußern sich nur noch im Vier-Augen-Gespräch über die politische Lage. Ein erfahrener deutscher Touristiker sagte mir, man wisse ja nie, ob ein aktueller oder früherer Geschäftspartner in Verdacht gerät, der Gülen-Bewegung nahezustehen und man dadurch selbst Schwierigkeiten bekommen könnte. Aber trotzdem halte ich eine generelle Reisewarnung für falsch. Der Flurschaden wäre auf beiden Seiten riesig – und es wird in der Türkei auch eine Zeit nach Erdogan geben.

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