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Mitleid – Made in China

Rückständiges Deutschland? Nach einer ICE-Fahrt mit zwei Chinesen kann sich fvw-Redakteur Tobias Pusch dieses Gefühls nicht mehr erwehren.

von Tobias Pusch, 28.09.2016, 07:19 Uhr
fvw-Redakteur Tobias Pusch
Foto: fvw

CRH2C: Daran mussten meine chinesischen Sitznachbarn mit Sicherheit denken, als der ICE von Hamburg nach Berlin auf offener Strecke zum Stehen kam. Denn beim CRH2C wäre so etwas wohl undenkbar. Der Hochgeschwindigkeitszug aus China benötigt für die 922 Kilometer von Wuhan nach Guangzhou keine drei Stunden. Das Durchschnittstempo liegt bei 310 Stundenkilometern. So etwas klappt natürlich nur dann, wenn man nicht irgendwo im Nirgendwo einfach anhalten muss. Die mittlere Geschwindigkeit des ICE betrug an diesem Tag übrigens 132 Stundenkilometer.

Der unerwartete Zwischenstopp führte bei meinen ansonsten recht ruhigen Sitznachbarn zu aufgeregten Diskussionen. Natürlich verstand ich kein Wort, doch auch so war recht klar, worum es ging: Wieso bleibt ein so genannter Hochgeschwindigkeitszug mitten in der Hauptverkehrszeit einfach so stehen? Irritiert blickten die beiden aus dem Fenster. Fast so, als ließe sich dort noch ein – in ihren Augen plausibler – Grund für die Zwangspause entdecken.

Etwas später, der Zug war gerade wieder angefahren, wurde es Zeit für den Auftritt des Schaffners. Brav zeigten die beiden chinesischen Mitfahrer ihre Tickets, auch ich überstand die Kontrolle. Doch bei der vierten Person aus unserer Sitzgruppe gab es ein Problem: Der ICE-Zuschlag musste nachgelöst werden. Ein Vorgang, der ebenfalls das Interesse der beiden Chinesen weckte. Sie legten ihre Smartphones beiseite und betrachteten die fünfminütige Szenerie andächtig: Wieso redet der Schaffner so lange mit dem Passagier? Was ist das für ein komischer Zettel, der nach langem Rumdrücken aus seinem unhandlichen Apparat heraus kommt? Und wieso zahlt der Mann in bar einen kleinen Betrag, auf den der Schaffner sogar noch das passende Wechselgeld herausgibt? Abermals gab es einen intensiven Wortwechsel zwischen den beiden Asiaten.

Doch damit war der Überraschungen an diesem Tag noch nicht genug. Als der ICE schließlich Hamburg erreichte, geriet die Baustelle der neuen U-Bahn-Linie 4 ins Visier der beiden Chinesen. Riesige Kräne, Betontröge, Berge aus Sand – doch kein Bauarbeiter weit und breit. Und erneut: Hektische Diskussionen und ungläubige Blicke. Diesmal gesellte sich nach einiger Zeit aber ein fast schon mitleidiges Lächeln hinzu. Es sollte wohl so viel bedeuten wie: „Wenn die in dem Tempo weiter bauen, dann sind die erst übernächstes Jahr fertig.“ Unnötig zu erwähnen, dass genau so der Zeitplan des Hamburger Senats aussieht.

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