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Genie und Wahnsinn im Online-Vertrieb

Die Booking-Mutter Priceline Group bekommt einen neuen Chef, Trivago geht mit hohen Verlusten an die Börse und bei Unister ist alles noch viel schlimmer. Welche Maßstäbe gelten im Online-Vertrieb?

von Klaus Hildebrandt, 16.12.2016, 15:47 Uhr
Klaus Hildebrandt ist Chefredakteur der fvw
Foto: fvw

Es war auf dem fvw Kongress vor sieben Jahren. Ich hatte Glenn Fogel, bei der Priceline Group aus den USA für das Auslandsgeschäft zuständig, als Speaker gewonnen. Er hielt eine ziemlich denkwürdige Präsentation, in der er fast nur Tierbilder zeigte (immer abwechselnd einen Fuchs und einen Igel) und erklärte, man habe vor vier Jahren in Amsterdam das Portal Booking.com gekauft und werde damit künftig weltgrößter Hotelvermittler.

Die deutschen Touristiker waren sich hinterher einig: Ein ziemlich durchgeknallter Ami, der im Größenwahn gleich die Weltherrschaft im Online-Geschäft reklamiert. Am Donnerstag nun wurde Fogel zum CEO der Priceline Group ernannt – mit einem Börsenwert von galaktischen 74 Mrd. US-Dollar das mit Abstand wertvollste Reiseunternehmen und mit Booking.com und der asiatischen Schwester Agoda der weltgrößte Hotelvermittler. Das alles ist auch maßgeblich Fogels Werk, der den Kauf von Booking.com und Agoda einfädelte.

In den ersten neun Monaten 2016 verdiente die Priceline Group netto 1,5 Mrd. Dollar. Auf fvw.de kommentierte ein Leser die Meldung zu den Unister-Verbindlichkeiten von 163 Mio. Euro: Er würde gerne mal wissen, „welche der vielen Internetfirmen Gewinn erwirtschaften oder wer nur Geld verbrennt und wie hoch der verbrannte Haufen jeweils ist“. Das wäre in der Tat eine spannende Rechercheaufgabe für das nächste Jahr.

Allerdings haben wir ja gelernt, dass in der Internet-Welt Gewinn eine relative Größe ist. Es gibt Unternehmen wie Trivago (in den ersten neun Monaten 2016 waren es 52 Mio. Euro Verlust bei 585 Mio. Euro Umsatz) oder das Berliner Start-up Get your Guide, deren Investoren (bei Trivago ist es Expedia) in bester Amazon-Manier lange Zeit Verluste in Kauf nehmen, um sich weltweit möglichst rasch eine starke Position zu verschaffen.

Ist Trivago wegen des hohen Verlustes ein schlechtes Unternehmen? Nein. Ich denke sogar, der Hotel-Metasearcher ist das wohl erfolgreichste Reise-Start-up aus deutschen Landen. Fast eine halbe Milliarde Euro investierten die Düsseldorfer in diesem Jahr schon ins Marketing, um in den USA und anderswo die Position zu festigen und vor Google zu verteidigen. Auch beim Gewinn-Milliardär und Börsenliebling Priceline Group sahen die Ergebniszahlen vor einigen Jahren noch ganz anders aus.

Vielleicht hätte Unister-Gründer Thomas Wagner nicht nur rechtzeitig verkaufen sollen, sondern eine Weisheit von Glenn Fogel beachten sollen: Er riet 2009, dass man sich im Internet auf eine Sache konzentrieren solle, die dann aber richtig gut machen müsse. Während Wagner vor allem mit den Nicht-Reiseportalen von News.de über Shopping.de bis Partnersuche.de viel Geld verbrannte, wurde der Hotelspezialist Booking immer erfolgreicher. Wären Fogel und Priceline gescheitert, wäre die Meinung aller Kongress-Zuhörer von damals heute klar: Das konnte ja nichts werden nach dieser schrägen Präsentation.

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