Digital Change

Des Vorstands neue Kleider

Als Otto-Chef Hans-Otto Schrader seinen 53.000 Mitarbeitern das „Du“ anbot, war das erste, was ich mich fragte: Können seine Angestellten das eigentlich ablehnen? Natürlich, sagt Schrader. Das soll ja kein Zwang sein. Wer die Vorstände duzen will, der darf, muss aber nicht. Aha.

von Nadine Kasszian, 23.03.2016, 10:33 Uhr

Würde mich mal interessieren, wie die Mitarbeiter das jetzt im Einzelnen handhaben. Es wäre nicht das erste Mal, dass sich ein Du-Angebot als böse Falle entpuppt. Ein Immobilienmakler gab mir einmal den gut gemeinten Rat: „Bieten Sie Ihrem direkten Nachbarn niemals das Du an. Du Idiot fällt viel schneller, als Sie Idiot“, so seine Begründung.

Und da zeigt sich schon das Dilemma. Offenbar muss in einem traditionellen Konzern, wie dem Versandhändler Otto, die Lockerheit von oben verordnet werden. So wird aber leider aus einem gut gemeinten Duz-Angebot schnell ein unangenehmer Duz-Zwang oder vielmehr ein Duz-Eiertanz auf der wackligen Hierarchie-Leiter. Für Hans-Otto (kurz: Hos) soll es die verbale Initialzündung in Richtung Kulturwandel werden. Klingt als würde man im Kleingartenverein die festgelegte Heckenhöhe abschaffen und sich dann für eine Hippie-Kommune halten.

Große traditionelle Unternehmen sind scheinbar zu allem bereit, damit sich ein gewisser Silicon-Valley-Start-up-Geist in ihren trostlosen Fluren breit macht. Namhafte Konzerne werfen ehemaligen (meist gescheiterten) Start-up-Gründern dafür horrende Beraterhonorare hinterher. Das „Duzen“ könnte das Ergebnis eines wahnsinnig teuren Meetings oder in Start-up-Deutsch „Meet-ups“ gewesen sein. Genauso wie hunderte von Kickern, die ein trauriges Dasein in irgendwelchen Unternehmensgängen fristen.

Dabei, mal im ernst: Würde ein junger, innovativer Unternehmer eine richtig gute Idee an ein großes Versicherungsunternehmen verkaufen oder lieber selbst umsetzen? Aber in Sachen Lockerheit können die jungen Hipster den gestandenen Managern eben noch etwas auf den Weg geben. Styling-Beratung inklusive: Bei der Deutschen Bahn, Bosch oder bei Daimler heißt das zum Beispiel weniger Krawatte. Aber ist der duzende Chef mit freiem Kragen wirklich besser, offener, zugänglicher? Dann wären weibliche Vorgesetzte klar im Vorteil. Oder kommt es am Ende doch darauf an, wer die Krawatte trägt oder eben nicht?

Mir fällt bei der derzeit weit verbreiteten Start-up-Gläubigkeit unweigerlich das bekannte Märchen von Hans Christian Andersen ein: „Des Kaisers neue Kleider“. Der ein oder andere Vorstand dürfte sich ohne seine Seidenkrawatte bestimmt schon einmal nackt gefühlt haben. In diesem Gefühl könnte ein Fünkchen Wahrheit liegen.

Kommentare

von Wolf Hanke, 24.03.16, 10:55
über die Hälfte meines Lebens (70 J) lebe ich nun in Spanien. Hier duzt man sich schnell und hat trotzdem Respekt , das es sich leichter Du Idiot sagen lässt als Sie Idiot ist eine oft gehörte Meinung in Deutschland. Bloss wenn ich glaube der Chef ist ein Idiot, denke ich das sowieso mit dem Du oder ohne ihm. Wichtiger als das Du ist die Art wie man die Mitarbeiter behandelt ... unsere Mitarbeiter sind unser grösstes Kapital ... hört man oft, wenn dem so ist stellt sich die Frage warum sie in so vielen Fällen so schlecht behandelt werden und dabei meine ich nicht nur das Gehalt. Der Chef von Accor hat m E einen richtigen Schritt getan, auch wenn er die MA nicht duzen sollte, indem er sich einen jungen Beraterstab aus der eigenen Fa aufgebaut hat, weil er erkannt hat, dass die Generation Y anders tickt und das muss anerkannt werden, will man nicht zukünftige Kunden verlieren. Ich hatte auch meine Probleme bis ich erkannt habe das ich von meinen Söhnen etwas lernen kann, besser gesagt lernen muss, wenn ich weiterhin ernst genommen werden will, Gleiches gilt für Firmen!!

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