Airlines

Das Drama um Hamburg International

Pleiten sind in der Airline-Branche nichts Ungewöhnliches. Doch die Insolvenz von Hamburg International ist eine Tragödie.

von Klaus Hildebrandt, 20.10.2010, 09:51 Uhr

Als der von Hotelier und Steakhaus-König Eugen Block geführte Regionalflieger Hamburg Airlines den Betrieb einstellte, gründeten die drei Piloten und Geschäftspartner Klaus-A. Schlichtmann, Christoph von Saldern und Norbert Grella 1998 Hamburg International als Ferienflieger. Schon damals wurde in der Branche viel geunkt: Noch ein Charter-Carrier? Es gebe doch schon genug Kapazität. Und außerdem würden die Low Cost Carrier den klassischen Touristikflug ohnehin plattmachen.

Doch die drei Hanseaten bewiesen Standvermögen, mit neun Maschinen war Hamburg International zuletzt unterwegs. Unter den Flugeinkäufern der Veranstalter genoss das Trio viel Sympathie: Sie lebten konsequent mittelständische Tugenden, gelten als bodenständig, flexibel und verlässlich. Und da die Geschäftführer auch selbst ihre Jets steuerten, kannten sie das Fluggeschäft aus dem Effeff. Sie haben, wie man so schön sagt, "Kerosin im Blut". Selbst frühere Turbulenzen im Gesellschafterkreis standen sie durch, konnten neue Anteilseigner wie Vural Öger gewinnen.

Denn die Veranstalter haben nach wie vor ein Interesse daran, dass es zwischen dem Spitzentrio Air Berlin, Condor, TUIfly sowie den Zielgebietscarriern eine zweite deutsche Liga gibt, der neben HHI auch der Traditionscarrier Germania und die kleine XL Airways Germany (die im Vorjahr die Pleite ihrer britischen Schwester überlebte) angehören. Die Veranstalter brauchen zur Abrundung ihres Programms preisgünstige und flexible Carrier, die auch kleine Flughäfen wie Saarbrücken, Friedrichshafen und Rostock bedienen und für Ad-hoc- und Zusatzcharter schnell einsetzbar sind.

Vielleicht liegt aber auch darin eines der Probleme von HHI: Der Betrieb auf Randflughäfen ist aufwändig, Maschinen und Crews müssen stationiert und positioniert werden. Der Preisdruck auf die Kleinen ist gewaltig. Hamburg International bekam dies offenbar besonders auf den Türkei-Flügen zu spüren: Türkische Carrier sind äußerst preisaggressiv – selbst wenn sie, wie zuletzt Turkuaz, dann bald selbst die Segel streichen müssen.

Schon im Sommer machte in der Branche die Runde, dass die in der Flugzeugfinanzierung starke HSH Nordbank, die nach Finanzkrise und Dauerskandalen selbst mit dem Rücken an der Wand steht, für Hamburg International neue Investoren sucht. Aber die großen deutschen Ferienflieger haben offenbar abgewunken. Sie brauchen gerade jetzt zum Beginn der Wintersaison keine zusätzliche Kapazität. Condor und TUIfly haben ihre Flotten in den vergangenen Jahren selbst zurückgeschraubt. Und ohne großes Finanzpolster wurde es bei Hamburg International zuletzt zunehmend enger. Gerade nach der Sommersaison hätten die Kassen vor der Durststrecke im Winter eigentlch gut gefüllt sein müssen.

Trotzdem ist es – nicht nur aus meiner lokalpatriotischen Hamburger Sicht – schade, dass der Ferienflieger nach zwölf Jahren in die Insolvenz geht. Die Veranstalter planen nun hektisch um, auch in den Reisebüros besteht Erklärungsbedarf. Vielleicht schafft der Insolvenzverwalter ja sogar noch einen Neustart für eine verkleinerte Hamburg International – den Mitarbeitern wäre es zu wünschen.

Kommentare

von Ulrich Roth, 20.10.10, 10:43
Wir haben gerne die HHI gebucht. War es vor allem die HHI, die uns bei der Flugasche unkompliziert geholfen hat, gestrandete Urlauber zurück nach D zu bringen. Bei der Beliebtheitsskala liegt für die Strecke nach SPC bei unseren Kunden die HHI mit Abstand auf Platz eins. Schade, wenn sie vom Markt verschwindet. Würde mich freuen wenn es doch noch zu einer Lösung kommt und HHI weiter machen kann. Falls nicht bedeutet es für unsere Insel, dass neben den Reduzierungen von AB und CFI nun auch noch 2 Flieger der HHI für diesen Winter fehlen. Die Grausamkeiten nehmen kein Ende.

von Wolfgang Hoffmann, 20.10.10, 11:14
Ulrich, an Dich hatte ich auch spontan gedacht und mitleidig "Schei***!" geknurrt. Aber mal ehrlich, war das angesichts der Kapazitäten und der sich schon längst ankündigenden Konsolidierungen im Business nicht absehbar? Kunden von uns sind gerade vor 2 Tagen noch aus dem Urlaub nach Hause geschwuppst, sonst hätten wir auch wieder händeringend nach Erklärungen für unsere Kundschaft suchen müssen. Aber ich möchte wirklich ein paar Sprüche anhand haben, mit denen ich voller Überzeugung unsere Kunden beruhigen kann, wo ich nicht Kassandras Arbeit machen muss, wo ich nicht Strukturen verteidigen muss, die wirklich keiner mehr durchblickt.

von Martin Pundt, 20.10.10, 11:33
Mein Mitgefühl gilt dem engagierten und qualifizierten Management-Team der HHI und allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der HHI. Aber ist das "eine Tragödie"? Da habe ich sicherheitshalber schnell noch mal nachgesehen: "Anders als im Drama ist das Scheitern des Helden in der Tragödie unausweichlich", meint Wikipedia. War also das Scheitern der HHI wirklich unausweichlich? Noch gestern - als "nur" das Aus in Weeze verkündet wurde - war in der FVW zu lesen: "Laut Hamburg International ist die Flugsteuer Schuld an dem Aus in Weeze." HHI hat ein gutes, flexibles und gegenüber Kunden, Reisebüros und Veranstaltern faires und zuverlässiges Produkt an den Markt gebracht. Sollte jetzt wirklich die Flugsteuer das Fass zum Überlaufen gebracht haben, hätten Brüderle, Ramsauer und Co. dieses aber durchaus mittels einer vernünftigere Steuerentscheidung verhindern können - ja: müssen! Aber auch die Veranstalter werden sich fragen müssen, ob sie sich - und der Branche insgesamt - mit dem Ausspielen ihrer Einkaufsmacht hier mittel- und langfristig wirklich einen Gefallen getan haben.

von Balaster, Dorit, 20.10.10, 12:37
Schrecklich ! stimmt mich wirklich nur traurig. Dennoch denke ich positiv und hoffe sehr, das sich alles zum Guten umwandelt. Hamburg International muss weiterfliegen.Unsere Stadt unsere Airline. Mein Mitgefühl an all die lieben Mitarbeiter der Sonderreservierung und dem Management...

von Sylvie, 20.10.10, 17:23
Sehe das genauso wie Dorit. Wir haben die eigentlich immer gerne gebucht, Qualität war okay. Es ist schade, wenn wieder ein "deutscher" Ferienflieger verschwindet. Es gibt eben doch eine ganze Reihe von Kunden, nicht nur Rentner, die ungern mit relativ unbekannten Airlines aus der Türkei, Ägypten, Bulgarien etc fliegen.

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